In seinem aktuellen Kommentar Der Populismus ist ein Abstiegskandidat verkündet Mark Schieritz eine frohe Botschaft: Die Welle des Populismus, die Europa in den vergangenen Jahren so entscheidend geprägt hat, laufe endlich aus. Die Wahlen in den Niederlanden, die Entzauberung Donald Trumps in den USA und nicht zuletzt das Bedauern der Briten über den nun näher rückenden Brexit zeige: Das Schlimmste liegt hinter uns – Peak Populism ist erreicht. Die Ursache dieser erfreulichen Entwicklung: Die Wähler hätten endlich begriffen, dass die Patentrezepte der populistischen Verführer in der Wirklichkeit nicht bestehen können. "Wenn Populismus auf die Realität trifft, verliert er", resümiert Schieritz. Deshalb wendeten sich die Wähler nun geläutert altbewährten politischen Repräsentanten zu und zeigten den demagogischen Vereinfachern und ihren leeren Versprechungen die kalte Schulter.

Wenn es doch nur so einfach wäre! Tatsächlich aber geht diese Interpretation in zwei zentralen Punkten in die Irre. Sie unterschätzt nicht nur die anhaltende Herausforderung durch populistische Bewegungen, sondern ignoriert auch die erheblichen Kurskorrekturen, mit denen die etablierten Parteien den Populisten vielerorts begegnet sind.

Sicher ist nicht zu bestreiten, dass viele Wähler in den USA und in Großbritannien mit dem aktuell eingeschlagenen Kurs ihrer Länder unzufrieden sind. Beide Gesellschaften sind tief gespalten. Doch die Wahrheit ist: Die Mehrheitsverhältnisse haben sich bislang kaum verschoben. Laut dem US-Sender CBS zeigen sich derzeit gerade einmal zölf Prozent der Republikaner mit der Amtsführung ihres Präsidenten unzufrieden, 84 Prozent hingegen halten Trump nach wie vor die Treue. In Großbritannien sieht die Sache nicht anders aus. Von dem von Schieritz beschworenen "Bregret" in der Folge des Brexit-Votums bisher keine Spur. Eine aktuelle Umfrage verweist darauf, dass sich 50 Prozent der Briten über das Auslösen des Artikels 50 und den nun nicht mehr vermeidbaren Austritt aus der Europäischen Union freuen. Das Austrittsreferendum selbst hatten die Brexiteers bekanntlich mit knapp 52 Prozent für sich entschieden. Zwei Prozent Unterschied: Das ist alles, aber kein Stimmungsumschwung.

Tatsächlich kann angesichts dieser Daten von angeblich weit verbreiteter Reue nach populistischen Wahlerfolgen kaum eine Rede sein. Ebenso wenig von nachlassender Wut in Teilen der Bevölkerung vor jetzt anstehenden Wahlgängen. Sicher, eine Niederlage der rechtspopulistischen Front-National-Chefin Marine Le Pen im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen in Frankreich ist derzeit das wahrscheinlichste Ergebnis. Aber ausgemacht ist das keineswegs. Erst kürzlich warnte der französische Politikwissenschaftler Serge Galam, dass Le Pen über eine viel motiviertere Wählerschaft verfüge als ihre Kontrahenten. Dank höherer Wählermobilisierung in ihrem Unterstützerlager könnte sie am Ende sehr wohl in den Élysée-Palast einziehen. Überzogener Alarmismus? Vielleicht. Doch Galam ist kein Unbekannter: Er zählte zu den wenigen, die einen Trump-Sieg korrekt vorhersagten.

Sind diese Politikentwürfe tatsächlich entzaubert?

Ebenfalls düster stellt sich die Lage in Italien dar. Hier liegt die populistische Fünf-Sterne-Bewegung des ehemaligen Komödianten Beppe Grillo derzeit volle fünf Prozentpunkte vor der regierenden Partito Democratico. Dabei ist Grillo bei Weitem nicht der einzige Schreck der etablierten Politik in Italien. Auch der sich nun immer staatstragender gebende Silvio Berlusconi und die sezessionistische Lega Nord verfügen über starken Rückhalt. Zusammengenommen verfügen die Anti-Establishment-Bewegungen Italiens schon seit Langem über die Mehrheit im Land.

Die Liste ließe sich fortsetzen: In Ungarn bewegt sich Viktor Orbán auf eine absolute Mehrheit bei den Wahlen im kommenden Jahr zu, in Schweden liegen die weit rechts außen verorteten Schwedendemokraten derzeit in den Umfragen als stärkste Kraft vorn. Wenn das bis zu den Wahlen im kommenden Jahr unverändert bleibt, hätten die schwedischen Rechtspopulisten ihren Stimmenanteil innerhalb einer einzigen Legislaturperiode verdoppelt. Und in Österreich liefert sich die rechte FPÖ mit 30 Prozent in aktuellen Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den regierenden Sozialdemokraten um Christian Kern. Wenn so der Abstieg populistischer Bewegungen in Europa aussieht, möchte man sich deren Aufstieg gar nicht erst ausmalen.

Doch Schieritz' These hinkt noch an einer anderen Stelle. Sicher haben die niederländischen Rechtspopulisten um Geert Wilders im jüngsten Wahlgang weniger Stimmen auf sich vereint als allgemein befürchtet. Und korrekt ist auch, dass die Alternative für Deutschland in Umfragen derzeit lediglich bei sieben bis acht Prozent steht – und somit bei Werten wie zuletzt vor der Flüchtlingskrise. Doch so erfreulich das ist, belegt das tatsächlich die Entzauberung populistischer Politikentwürfe insgesamt?