Präsidentschaftswahl in Frankreich: In letzter Minute noch ein Hackerangriff

Macron oder Le Pen? Für viele Franzosen eine schwierige Entscheidung. Kurz vor knapp freuen sich FN-Anhänger noch über einen Datenklau. Unser Frankeich-Blog zum Nachlesen
Eine Frau steht von Wahlplakaten der französischen Präsidentschaftskandidaten. © Eric Gaillard/Reuters


  • 20:54 Uhr
    Simone Gaul

    Wir beenden dieses Blog. Am morgigen Sonntag wählen die Franzosen ihren neuen Präsidenten. Spannende Wahlkampfwochen liegen hinter uns, die wir für unsere Leser in diesem Blog begleitet haben.

    Kurz vor knapp hat ein unbekannter Hacker am Freitagabend noch bis zu neun Gigabyte geklaute Dokumente ins Internet gestellt, die angeblich skandalöses Material von Emmanuel Macron enthalten sollen. Zu diesen #macronleaks durften sich heute weder Macron selbst noch sein Team, noch seine Konkurrentin Marine Le Pen oder deren Team äußern: Wie schon vor der ersten Wahlgang gilt auch dieses Mal wieder eine 48-stündige staatlich verordnete Wahlkampfruhe. Erst wenn die ersten Ergebnisse am Sonntag um 20 Uhr bekannt gegeben werden, dürfen Macron und Le Pen wieder in die Kameras sprechen.

    Die Umfragen sehen Macron vorne. Die geleakten Daten werden Macron vermutlich nicht wirklich schaden. Hätten die Dokumente wirklich heikle Informationen enthalten, hätten Macrons Gegner sie bestimmt schon gefunden und verbreitet. Dennoch: Die Anhänger Marine Le Pens freuen sich.

  • 19:13 Uhr
    Sven Crefeld

    MontrealWähler in Montreal, Kanada
    Für die Franzosen in anderen Erdteilen hat die Stichwahl schon begonnen. Wie hier in Montreal kommen sie zahlreich zu den Wahlbüros, um ihre Stimme abzugeben – bis zu zwei Kilometer lang war die Warteschlange in der kanadischen Stadt. Die ersten Wahllokale öffneten um 12 Uhr deutscher Zeit auf der zu Frankreich gehörenden Inselgruppe Saint Pierre and Miquelon südlich von Neufundland, wo 6.000 Menschen leben – sie sind 3.819 Kilometer vom Mutterland entfernt. Auch im französischen Konsulat in New York wird bereits gewählt. Die insgesamt 1,3 Millionen französische Staatsbürger in den Überseegebieten beziehungsweise im Ausland sind ein gewichtiger Faktor bei der Abstimmung für Macron oder Le Pen.

  • 17:59 Uhr
    Ute Brandenburger

    Neve wählt...Macron – aus voller Überzeugung
    Die Gymnasiastin aus Paris ist überzeugt, dass Emmanuel Macron die nötige Veränderung bringt.



    Affiss wählt...vielleicht gar nicht
    Der Student aus Paris glaubt, dass er es sich erlauben kann, nicht zu wählen.



    Lee wählt…Macron, wollte aber Hamon
    Marine Le Pen macht Lee große Angst. Deshalb wählt sie strategisch – Macron.


  • 17:57 Uhr
    Ute Brandenburger

    David wählt...Macron, wollte aber Fillon

    Wegen eines Scheinbeschäftigung-Skandals hat Davids Favorit François Fillon es nicht in die Stichwahl geschafft. Jetzt ist er Macron-Fan.


  • 12:04 Uhr
    Tilman Steffen

    "Ich werde spontan zwischen Le Pen und Macron entscheiden"



    Sophie Daissemin darf in diesem Jahr zum ersten Mal wählen – und ist sich wenige Stunden vor dem entscheidenden Duell noch unsicher, wem sie ihre Stimme geben soll. Dem liberalen Emmanuel Macron, weil er so jung und frisch ist? Oder der rechtsextremen Marine Le Pen, weil sie Frankreich wieder an erste Stelle setzen möchte?

    "Richtig zu wählen ist schwer", sagt die angehende Hebamme. Vor allem, weil zwischen den beiden Duellanten Welten liegen. Beim ersten Wahlgang hat Sophie nicht gewählt, sie war mit Freundinnen im Urlaub in Marokko. Dann hatte sie sich schon entschieden, für Le Pen zu stimmen. Weil sie glaubt, dass die Ausländer alles umsonst kriegen, währen die Franzosen zahlen müssen, etwa für ärztliche Behandlungen.

    Und dass sich das Frankreich nicht leisten kann, sondern zuerst an seine eigenen Bürgerinnen und Bürger denken muss, an die armen Rentnerinnen. Sophie Daissemin hat mit ihren 21 Jahren schon die Theorie des Front National verinnerlicht. In ihren Klassen an der Universität – in Frankreich studieren Hebammen zusammen mit Medizinern – sähen es viele ähnlich. Auch, weil im Krankenhaus immer zu wenig Personal wäre, die Patienten würden leiden, die Ärzte seien gestresst. "Le Pen hat recht, dass wir mehr in die Gesundheit stecken müssen."

    Eine Rassistin sei sie aber ganz sicher nicht, versichert sie. Ihr Freund sei Marokkaner, seine Familie muslimisch. Die hätten alle Angst vor Le Pen. Warum sie das nicht störe? "Ich glaube, so schlimm ist sie gar nicht." Sie zögert. Seitdem sie Le Pen im TV-Duell mit Macron gesehen hat ist sich Sophie Daissemin unsicher geworden. Die Rechtsextreme hat aus ihrer Sicht ganz schlecht abgeschnitten. "Sie war aggressiv und hat nichts über ihr Programm gesagt, dass hat mich genervt. Ich habe weitergezappt." So wird sie bis am Sonntag noch auf ihrer Facebook-Seite gucken, welche Informationen im Web kursieren. Und dann spontan entscheiden.

  • 20:51 Uhr
    Karin Geil

    "Die Franzosen brauchen einen harten Präsidenten"



    Joseph Daissemin wird zum ersten Mal in seinem Leben ungültig wählen. Denn zum ersten Mal im Leben des 82-Jährigen ist seine Partei nicht im entscheidenden Duell der französischen Wahlen: Der konservative Francois Fillon ist im ersten Durchgang ausgeschieden. Vor allem, weil der UMP-Politiker seine Frau und seine zwei Kinder beschäftigt haben soll, ohne dass sie tatsächlich gearbeitet haben sollen. "Ja, da waren diese Skandale", sagt Daissemin. "Aber er wäre ein guter Präsident gewesen."

    Daissemin kommt aus einer Bauernfamilie und noch in seinem mittlerweile hohen Alter hilft er seinem Sohn dabei, Bohnen und Salate zu ernten und Kisten für den Markt am Samstagmorgen zu stapeln. Den hageren Mann kennt in meinem Dorf jeder, sein kleiner Wagen ist immer beladen, immer hat er zu tun. Er meint, die Franzosen seien faul, und deshalb fand er das Programm von Fillon richtig gut.

    Der skandalgebeutelte Kandidat wollte 500.000 Beamtenstellen nicht neu besetzen, er wollte die gesetzliche Arbeitszeit von derzeit 35 Stunden auf bis zu 48 Stunden lockern und die Rente später auszahlen. "Das war ein mutiges Programm", sagt Daissemin. "Ihr Deutschen arbeitet ja sicherlich viel. Aber die Franzosen, die arbeiten zu wenig, also brauchen sie einen harten Präsidenten", glaubt er.

    Mit der Wahl am Sonntag kann er nichts anfangen. Der liberale Emmanuel Macron: "Zu jung und unerfahren. Er hat nicht die Statur." Die rechtsextreme Marine Le Pen: "Zu extremistisch. Ich weiß noch, wie ihr Vater, Jean-Marie Le Pen, den Holocaust leugnete. Das dürfen wir nicht vergessen." Warum ausgerechnet der Newcomer und die Nationalistin in die Stichwahl gekommen sind, kann sich Daissemin nicht ganz erklären. In seinem Dorf haben die Bürger eigentlich immer alle für die Konservativen gestimmt, nie habe es einen anderen Bürgermeister gegeben – auch wenn sie alle ein paar Skandale (Korruption! Vetternwirtschaft!) zu überstehen hatten. Das habe immer gut funktioniert. "Die Menschen sind heute verwirrt und deswegen versuchen sie etwas Neues. Am Ende aber kommt dasselbe bei raus."

  • 17:41 Uhr
    Rita Lauter

    Zum Wahlkampfabschluss hat Marine Le Pen die berühmte Kathedrale von Reims besucht. Das Bauwerk hat für den rechtsextremen Front National eine hohe symbolische Bedeutung. Die Heldin der Partei, Jeanne d'Arc, war dort für die Krönung von Charles VII. 1429 anwesend. Le Pen wurde dort allerdings unfreundlich von Anhängern Macrons empfangen. In Anspielung auf die Ermittlungen gegen Le Pen wegen mutmaßlicher Zweckentfremdung von EU-Parlamentsgehältern riefen Sie "Marine, geben Sie das Geld zurück!". Wegen der Vorwürfe hatten französische Ermittler im März beim Europäischen Parlament beantragt, Le Pens Immunität aufzuheben, um der Sache strafrechtlich nachgehen zu können. 


    Junge Leute vor der Kathedrale in Reims während Le Pens Besuch

    Le Pen warf Macrons Anhängern auf Twitter vor"überall mit Gewalt" zu handeln, "selbst an einem symbolischen und heiligen Ort. Keine Würde", schrieb Le Pen. Fernsehbilder zeigten, wie Le Pen die Kathedrale verließ, ihre Arme über den Kopf legte, um sich zu schützen, und schnell ein Auto bestieg, um davon zu fahren.

  • 16:32 Uhr
    Sybille Klormann

    Was macht eigentlich François Hollande? Der scheidende Präsident, der sich nicht mehr zur Wiederwahl aufstellen ließ, hat schon Pläne für den Montag nach der Wahl: Hollande wird zu einem Abschiedsbesuch in Berlin erwartet.


    Kanzlerin Angela Merkel wird sich persönlich von Hollande verabschieden: Im Kanzleramt ist ein gemeinsames Abendessen geplant. Von einem öffentlichen Auftritt wird abgesehen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. 

    Die Rolle der Kanzlerin und ihre Nähe zu Hollande war im französischen Wahlkampf immer wieder Thema: Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National will ihr Land unabhängiger machen – von der EU und von Merkel.

    Die Bundesregierung macht indes keinen Hehl daraus, dass sie Emmanuel Macron die Daumen für Sonntag drückt: Bundesregierung und Kanzlerin hätten "deutlich zum Ausdruck gegeben, wem wir Glück wünschen und warum", sagte Seibert in der Woche vor der Wahl. Zur Politik Le Pens sehen die Spitzen von Union und SPD keinerlei Berührungspunkte. Dennoch: Nach der Wahl werde es sehr schnell Kontakte der Bundesregierung zu Hollandes Nachfolgerin oder Nachfolger geben, sagte Seibert.

  • 11:01 Uhr
    Sybille Klormann

    Frankreichs Gesellschaft ist stärker politisch polarisiert als andere europäische Länder, auch blicken die Franzosen deutlich pessimistischer in die Zukunft. Das zeigt eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung, die heute, zwei Tage vor der Stichwahl zwischen Emmanuel Macron und Marine Le Pen, veröffentlicht wurde.


    Besonders die extreme Rechte ist in Frankreich demnach deutlich stärker als im Durchschnitt aller 28 EU-Länder: 14 Prozent der befragten Franzosen stufen sich als extrem rechts ein, EU-weit sind es nur 4 Prozent. 19 Prozent der Franzosen bezeichnen sich als rechts, 25 Prozent als links und 6 Prozent als extrem links. Nur 36 Prozent der Franzosen ordneten sich politisch als Mitte-links oder Mitte-rechts ein.

    Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Land erreicht quer über alle politischen Lager hinweg Werte von mehr als 80 Prozent. Dabei gilt: je extremer ein Wähler, desto unzufriedener ist er mit dem eigenen Land und der EU. Liegt die Zufriedenheit mit Frankreich im Mitte-Rechts-Spektrum bereits bei geringen zehn Prozent, so sinkt sie am rechten Rand auf vier. 

    Anhänger der politischen Mitte und der Linken sind laut der Umfrage jeweils zu fast zwei Dritteln für einen Verbleib in der EU und in der Eurozone, im rechten Drittel des Wählerspektrums hingegen befürworten 58 Prozent einen Ausstieg aus dem Euro und 63 Prozent einen Austritt aus der EU.

    Für die am Freitag veröffentlichte Eupinions-Studie wurden im März mehr als 11.000 Menschen in der EU befragt.

  • 19:44 Uhr
    Annika Joeres

    "Ich habe mehr Angst vor Macron als vor Le Pen"

    Soumia Montcoudial kann in diesem Jahr zum ersten Mal ihr Staatsoberhaupt wählen: Die gebürtige Marokkanerin hat erst kürzlich die französische Staatsbürgerschaft erlangt. "Und nun bin ich ausgerechnet in das schwierigste Wahlduell aller Zeiten gerutscht", sagt die 30-Jährige. Als Einwanderin verabscheut sie die ausländerfeindliche Hetze der rechtsextremen Kandidatin Marine Le Pen. Als Krankenpflegerin kann sie nichts mit dem Programm des liberalen Emmanuel Macron anfangen: Er will, dass sie später als mit 62 Jahren in Rente gehen kann, und Macron will, so fürchtet Montcoudial, ihre Überstunden nicht mehr bezahlen. "Wir machen im Krankenhaus einen harten Job für wenig Geld, wir können keine Stunde verschenken." So wird die Mutter zweier Kinder wahrscheinlich ungültig wählen. Oder doch für Marine Le Pen.

    Nach Umfragen wird der Anteil dieser Wähler am kommenden Sonntag ohnehin stark ansteigen – gerade unter den linken Wählern. Denn Montcoudial hat im ersten Wahlgang für Jean-Luc Mélenchon gestimmt, der versprach, die Pflegeberufe besser zu bezahlen und das Rentenalter nicht zu erhöhen. Er habe den Reichtum des Landes teilen wollen. Viele ihrer Kollegen im Krankenhaus haben so gewählt wie sie – die meisten werden nun zu Le Pen überlaufen. Und selbst Soumia Montcoudial, als Muslimin, die von Le Pen "häufig verunglimpft" werde, überlegt, ob sie nicht doch für die Politikerin stimmen wird. 

    Denn erstens glaubt sie nicht, dass der Front National wirklich eine so harsche Antimigrationspolitik einführen wird, wie er jetzt angibt, wenn er einmal an der Macht ist. In ihrem Leben werde sich wenig ändern, glaubt Soumia Montcoudial. Und wenn doch? Wenn Le Pen weiter Kampagnen gegen Muslime führt und Moscheen schließt, wie sie jetzt verspricht? "Dann gehe ich wieder nach Marokko zurück, und mein Mann, ein Franzose, kommt dann mit. Wir werden dort ein entspanntes Leben haben, nicht so stressig wie hier." Macrons Arbeitsreformen machen Montcoudial mehr Angst als ein Sieg des rechtsextremen Front National.

    Die Krankenpflegerin Soumia Montcoudial

  • 18:22 Uhr
    Sybille Klormann

    Emmanuel Macron hat Klage eingereicht wegen versuchter Einflussnahme auf die Stichwahl durch das Verbreiten von Fake-News. Die Pariser Staatsanwaltschaft hat deshalb vorläufige Ermittlungen aufgenommen.

    In der Klageschrift wirft Macron seiner rechtsradikalen Rivalin Marine Le Pen Verbreitung unwahrer Nachrichten und Fälschung vor. Dabei nimmt er Bezug auf die TV-Debatte von Mittwochabend, als Le Pen den Eindruck erweckt hatte, Macron könnte ein Offshore-Konto auf den Bahamas haben. 

    Macrons Wahlkampfteam erklärte, ihr Kandidat sei Opfer einer "Cyber-Desinformationskampagne" geworden. Le Pen rückte von ihren Vorwürfen wieder ab, nachdem das Gerücht schnell widerlegt worden war.

  • 13:29 Uhr
    Contexte

    Wer sind die Leute um Marine Le Pen? Zwei Lager bekämpfen sich intern: Die alten Weggefährten ihres Vaters Jean-Marie, die heute sich heute um Le Pens radikalere Nichte Marion Maréchal-Le Pen gruppieren, die sich nie von ihrem wegen Antisemitismus verurteilten Großvater lossagte – und die Gruppe um Le Pens rechte Hand Florian Philippot, die links um Stimmen werben.

    Zu ihrem Premierminister würde Le Pen bei einem Wahlsieg Nicoloas Dupont-Aignan machen. Der Bürgermeister von Yerres war früher Mitglied der konservativen Parteien von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy. Er gehört zu denen ins Le Pens Umfeld mit der meisten politischen Erfahrung: So arbeitete er für den früheren pro-europäischen Bildungsminister François Bayrou und den einstigen Umweltminister Michel Barnier. Zu den weiteren Mitstreitern Le Pens gehören der libertäre Ökonom Bernard Monot, der um sein dickes Adressbuch beneidete Russlandfreund Luc Schaffhauser genauso wie David Rachline, mit 29 Jahren der jüngste Senator in der Geschichte der Fünften Republik.

    Contexte ist ein französisches Onlinemagazin. Bis zur Stichwahl analysieren die Journalisten an dieser Stelle täglich die politische Situation in Frankreich.

  • 11:45 Uhr
    Rita Lauter

    Parallel zum Erstarken des Front National wird die Demokratie von jungen Franzosen mehrheitlich nicht mehr als bestmögliche Staatsform betrachtet. Das geht aus einer neuen Studie der Tui-Stiftung hervor. Nur eine knappe Mehrheit der Befragten ist noch für einen Verbleib Frankreichs in der EU.

    Gerade bei den jungen Franzosen hat der FN Zugkraft, hat der Soziologe Louis Chauvel bereits vor der Wahl analysiert. Chauvel spricht von "Baby-Losern", die keine Jobs finden oder permanent von Arbeitslosigkeit bedroht sind, obwohl sie gut ausgebildet sind. Deswegen distanzieren sich viele vom politischen Prozess und radikalisieren sich, durchaus auch nach links, so Chauvels Befund.

  • 10:35 Uhr
    Rita Lauter

    In dem Duell stilisierte sich Le Pen erneut als "Kandidatin des Volkes" und geißelte ihren Widersacher Macron als "Handlanger der Eliten". Nicht nur in Frankreich wird den Eliten vorgeworfen, die Probleme der Normalbevölkerung kaum wahrzunehmen. Wie es trotz des ursprünglich demokratisch angelegten Systems der französischen Elitenbildung dazu kommen kann, beschreibt diese Analyse über die umstrittenen Grandes Écoles, von denen auch Macron mehrere absolviert hat.

  • 08:06 Uhr
    Karin Geil


    "Hinterher waren sich alle einig: So eine Fernsehdebatte zwischen zwei Präsidentschaftskandidaten hatte Frankreich noch nie erlebt."

    Unser Korrespondent Georg Blume hat das TV-Duell zwischen Macron und Le Pen mitverfolgt und erlebte eine Kandidatin, die die Regeln dieser Auseinandersetzung nicht akzeptierte. "Le Pen wollte von Anfang an den eher staatstragenden Rahmen der Veranstaltung sprengen", schreibt er in seiner Analyse. Und Macron hatte zumindest anfangs durchaus Schwierigkeiten, sich zu beherrschen.

    "Freundlichkeiten jedenfalls wurden an diesem Abend nicht ausgetauscht. Nicht eine einzige."

  • 21:21 Uhr
    Annika Joeres




    "Macron hat ein Herz, aber ein kleines"

    Patricia Guyony mag Emmanuel Macron vor allem für ein Versprechen: Der liberale Präsidentschaftskandidat möchte behinderten oder arbeitsunfähigen Menschen 100 Euro mehr Grundsicherung im Monat bezahlen. Das hat die 62-Jährige in ihrem Reha-Zentrum gehört. In meinem Dorf ist das vor zwei Jahren eröffnete Haus der größte Arbeitgeber, seit drei Wochen ist Guyony hier. Sie hat bei einem Unfall ihre Mutter und ihren Bruder verloren, nun pflegt sie ihre seelischen und körperlichen Blessuren. Und wird am Sonntag mit Krücken ins Wahlbüro gehen. 

    "Ich möchte die Rassistin Le Pen verhindern und wähle Macron", sagt sie. Sie sei kein großer Fan von Macron, aber dass er Menschen mit Behinderungen mehr Geld geben wolle, sei doch schon einmal was. Außerdem habe Macron vor, betroffene Menschen in Schulen zu schicken, um dort von ihrem Leben zu erzählen. Auch das sei eine gute Idee. 

    Seitdem Patricia Guyony ihr Schicksalsschlag ereilt hat, guckt sie auf die sozialen Programme. Deshalb habe sie den Linken Jean-Luc Mélenchon im ersten Wahlgang gewählt, der wollte sogar alle Städte und Dörfer behindertengerecht renovieren. "Haben Sie gesehen: Bei seinen Veranstaltungen waren zahlreich Menschen im Rollstuhl." Nun habe sie aber auch bei Macron "ein Herz" gefunden. "Wenn auch ein kleines." 

    Der Parteilose kenne nicht so recht den Sinn des Teilens, sagt Guyony. Macron werfe mit Zahlen um sich, dass die Gewinner der Gesellschaft ihn nur so anhimmelten, sagte die technische Sekretärin, die nach ihrem Unfall nicht mehr in ihren Beruf zurückkehren wird. Wenn Guyony bald in Rente gehen wird, werden die Zahlungen sehr klein sein. Für arme Rentner hätte Macron keinen Sinn. Aber Marine Le Pen, die sei noch viel schlimmer. Das hätten ihr noch die Eltern eingeimpft: "Wähle nie eine Extremistin, das bringt nur Unglück."

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