Marine Le Pen ist eine Frau, die nie über Frauen spricht. Sie tritt für den rechtsextremen Front National bei den Präsidentschaftswahlen am 23. April an – und wird mit vier Männern um die ersten Plätze kämpfen. Ausgerechnet diese männerdominierte Partei stellt als einzige eine Kandidatin. Vielleicht, weil sie die einzige ist, die von weiblichen Klischees profitiert: Ihr Vater und Parteigründer Jean-Marie Le Pen wurde von vielen als brutal und rücksichtslos empfunden. Marine Le Pen als seiner Nachfolgerin half es, sich als alleinerziehende Mutter, geschiedene Gattin und gefühlvolle Frau inszenieren zu können.

"Le Pen hat von den gängigen Vorurteilen gegenüber Politikerinnen profitiert", sagt die Pariser Politikwissenschaftlerin Catherine Achin. Mit großem Erfolg: Marine Le Pen wird von Franzosen als sympathischer und gefühlvoller eingeschätzt als ihr Vater, sie konnte zuletzt gerade bei Frauen Stimmen gutmachen und wird bei dieser Wahl allen Umfragen nach in das entscheidende Duell kommen. "Das ist die absurde französische Situation: Die einzige Kandidatin der Präsidentschaftswahlen wird den Französinnen keinen Dienst erweisen", so Achin. Ausgerechnet die Parteien, die schon seit Jahren in ihren Programmen für gleichwertig bezahlte Jobs, verantwortungsvolle Väter und paritätisch besetzte Wahllisten kämpfen, haben bei dieser Wahl keine Frauen vorzuweisen. Bei den sozialistischen und republikanischen Vorwahlen befand sich je eine Kandidatin unter sechs beziehungsweise fünf Männern, beide verloren.

Kein Platz für Emanzipation in der Politik

Auch die Parlamente sind männerdominiert in Frankreich: 74 Prozent der Abgeordneten sind männlich, bei den Bürgermeistern sind es sogar rund 88 Prozent. Und obwohl mittlerweile gesetzlich paritätische Listen vorgeschrieben sind, zahlen Sozialisten und Republikaner lieber eine millionenschwere Strafe, als mehr Kandidatinnen für die Parlamentswahlen zu benennen. Nur die französischen Grünen und Kommunisten sind geschlechtergerecht in der Nationalversammlung vertreten. Immerhin hat der noch amtierende Präsident François Hollande zum ersten Mal ebenso viele Ministerinnen wie Minister benannt – aber Skandale trüben die Bilanz: Beispielsweise ein grüner Abgeordneter, der von vier Politikerinnen beschuldigt wird, sie über Jahre hinweg belästigt zu haben. Oder, dass während der Parlamentssitzungen manche Rednerinnen ausgelacht wurden, ihnen in öffentlichen Sitzungen hinterhergepfiffen wurde, Abgeordnete Vorträge von Politikerinnen mit albernem Hühnergegacker begleiteten. Meistens wurden die Männer verwarnt, manchmal ein Teil ihres Gehaltes als Strafe einbehalten.

"Wir sehen einen absoluten Stillstand für Frauen", sagt Wissenschaftlerin Achin. Seitdem vor zehn Jahren die Sozialistin Ségolène Royal kandidierte und verlor, werde über Gleichberechtigung wieder weniger gesprochen. Achin glaubt, das liege an der zunehmenden Polarisierung im Wahlkampf, an den Parteien, die sich nach jahrelanger Annäherung wieder grundsätzlich unterschieden. "Für die Demokratie ist diese Wahlfreiheit gut. Aber für die Emanzipation ist Frankreich nur in ruhigeren Zeiten aufmerksam", sagt Achin.

Marine Le Pen ist zu allen Zeiten gegen Gesetze für die Gleichstellung: Die Europaabgeordnete stimmte in Brüssel durchgängig gegen Resolutionen, in denen die Mitgliedsstaaten zur gleichen Bezahlung, zu paritätischen Wahllisten und zu Elternzeiten für Väter aufgefordert wurden. Frauenrechte sind Le Pen immer nur dann erwähnenswert, wenn es darum geht, die Unterdrückung von Frauen im Islam anzuprangern.

Stattdessen kultiviert sie die Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Sie argumentiert, sie als Frau könne Ungerechtigkeiten mit ihrer "weiblichen Sensibilität" erkennen. Ein Satz, der dem französischen Feminismus diametral entgegensteht: Die Ikone Simone de Beauvoir hatte einst den Satz geprägt, nicht als Frau geboren, sondern zu einer Frau "gemacht" zu werden – eine "weibliche Sensibilität" sei also von der Gesellschaft erfunden und anerzogen. Beauvoir und ihre Mitstreiterinnen haben erreicht, dass in Frankreich Frauen gleichberechtigter arbeiten, dass sie ohne schlechtes Gewissen ihr Kind betreuen lassen, dass Abtreibungen frei zugänglich und kostenlos sind und dass der Staat für alle Unter-Dreijährigen entweder Krippen oder Tagesmütter bietet.