Er, der von einigen als begabtester Redner Frankreichs bezeichnet wird, legt bei seinem Wahlkampfauftritt im historischen Hafen von Marseille eine Gedenkminute ein. Rund 70.000 Anhänger harren lautlos aus, gedenken der Flüchtlinge, die im Wasser des Mittelmeeres ihr Leben verloren haben. Vielleicht ist die größte Gabe von Jean-Luc Mélenchon nicht das Reden, sondern auch schweigen zu können.

Mélenchon tritt bei der Präsidentschaftswahl am 23. April für die linke Partei La France Insoumise (Unbeugsames Frankreich) an. In den vergangenen Wochen ist er spektakulär in den Umfragen aufgestiegen. Plötzlich scheint es möglich, dass er es in die Stichwahl schafft. Mélenchons Gegner sind die rechtspopulistische Marine Le Pen, der Konservative François Fillon und der Liberale Emmanuel Macron.

Mélenchon hat in einigen Umfragen Fillon bereits überholt, und weil Le Pen und Macron nur drei bis vier Prozentpunkte vor ihm liegen, hat er es nun mit einiger Kritik seiner Gegner zu tun. Er sei ein schlimmer Kommunist, sagt Fillon. Einer, der die "Massenmigration" nach Frankreich holen wolle, sagt Le Pen. Und Arbeitgeber-Präsident Pierre Gattaz wirft ihm vor, "Armut und Desaster" nach Frankreich zu bringen.

"Armut und Desaster? Das ist heute der Alltag von Millionen Franzosen", antwortete ihm Mélenchon. Der 65-Jährige weiß, wie man als Politiker kontert.

Wegen seiner Schlagfertigkeit hat er auch Feinde im Ausland. Mélenchon lässt keine Gelegenheit verstreichen, auf die wirtschaftliche und europäische Politik von Angela Merkel zu schimpfen. Vor zwei Jahren veröffentlichte er ein Buch mit dem reißerischen Titel Bismarcks Hering – das deutsche Gift. Deutschland unterjoche andere europäische Länder mit seiner neoliberalen Politik und dem Antischuldendogma. "Das deutsche Gift ist das Opium der Reichen," sagt er pathetisch. Mélenchon will aus der Nato aussteigen und alleine der UNO vertrauen, der seiner Meinung nach "einzigen rechtmäßigen internationalen Institution."

Das klingt nicht nach einem 65-Jährigen. Aber vielleicht ist es gerade seine Mischung aus alt und neu, die ihn gerade für junge Wählerinnen und Wähler anziehend macht. Er tritt altväterlich und besserwisserisch auf, trägt gestrickte Pullunder und zitiert Gedichte in seinen Veranstaltungen. Zugleich ist er der erste und einzige, der kommende Woche zeitgleich an sechs Orten in Frankreich als Hologramm auftreten wird, also als animiertes 3-D-Bild. Und er ist es auch, der die meisten Abonnenten bei YouTube hat.

Wenn Mélenchon auftritt, kommen Zehntausende in die Hallen – und einige Tausende stehen vor Großleinwänden davor Schlange. Er spricht dann oft zwei Stunden ohne jede Notiz. Die Fans klatschen und trampeln.