Wladimir Putin, Alexander Lukaschenko, Recep Tayyip Erdoğan – die Liste der autokratischen, antiwestlichen Regenten am östlichen Rand Europas ist seit Sonntag definitiv um einen Namen länger. Nach dem knappen, umstrittenen Ja beim Verfassungsreferendum bekommt in der Türkei jetzt ein Mann auch formal (fast) alle Macht. Ein Mann, der im Moment die größte Herausforderung für die EU darstellt. Mit seiner aggressiven nationalistisch-islamistischen Politik und der Unterdrückung von Opposition, kritischer Presse sowie unabhängiger Justiz hat Erdoğan ein abschreckendes Gegenbild zu einer liberalen westlichen Demokratie geformt.

Für die Türkei, aber auch für Europa ist das ein tiefer Einschnitt. Die Türkei gehört jetzt nicht mehr zu den demokratischen Staaten. Sie ist ein Einmannstaat, ein Erdoğan-Staat. Der Neosultan wird nun über viele Jahre den Kurs des Landes bestimmen, das für Europa das Bindeglied zur Krisenregion im Nahen Osten bildet, und darüber entscheiden, wie viele Flüchtlinge und Migranten über das östliche Mittelmeer nach Europa kommen.

Wie Erdoğan das Verhältnis zu Europa sieht, hat er in seiner wüsten Wahlkampagne vor dem Referendum gezeigt: mit abstrusen Vorwürfen und Nazivergleichen gegen Deutschland und andere EU-Staaten wegen des Streits um Auftritte türkischer Politiker. Offenbar ist er der Ansicht, dass er die EU nicht mehr braucht und dass er allein, ohne europäische Hilfe eine "starke Türkei" aufbauen kann, wie er seinen Anhängern versprochen hat. Sein Land wird sich, so ist zu befürchten, unter seiner Führung noch weiter von Europa und vom Westen entfernen, wenn nicht völlig abwenden.

Deutschland kann das nicht gleichgültig sein, genauso wenig wie die Abschaffung der parlamentarischen türkischen Demokratie und die Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel. Die Türkei ist Nato-Partner, sie ist ein wichtiger Faktor in den Kriegen in Syrien und im Irak und sie ist ein, wenn auch fragwürdiger, Teil der Koalition gegen den "Islamischen Staat". Zudem leben in Deutschland rund drei Millionen Türken und Türkischstämmige, von denen sich ein großer Teil Erdoğan und seiner Politik verbunden fühlt, wie das Ergebnis der hiesigen Abstimmung gezeigt hat. Die türkische Politik regiert somit nach Deutschland hinein.

Die Kanzlerin stellt das alles vor ein großes Dilemma. Angela Merkel war bislang diejenige, die den engsten Draht zu Erdoğan hielt. Bereits fünfmal ist sie in den vergangenen beiden Jahren zu ihm gereist. Und sie hat das Abkommen mit ihm eingefädelt, das dafür sorgt, dass kaum noch Flüchtlinge aus der Türkei über das Mittelmeer in die EU gelangen.

Bundeswehrsoldaten und deutsche Investitionen

Deutschland wird nicht nur deshalb weiter mit der Türkei und mit Erdoğan zusammenarbeiten müssen. In dem Land sind Bundeswehrjets und deutsche Soldaten stationiert, die sich am Nato-Einsatz gegen den IS beteiligen. Deutschland kooperiert auch sonst militärisch mit dem Nato-Partner. Und die Türkei ist ein nicht unbedeutender Wirtschaftsfaktor. Zahlreiche deutsche Unternehmen haben dort investiert. Das kann und sollte nicht von heute auf morgen aufgegeben werden. Dafür ist die Türkei zu wichtig. Deshalb steht auch ein Abzug der deutschen Soldaten vorerst nicht zur Debatte.