Im Herzen des Istanbuler Stadtteils Beşiktaş liegt einer der belebtesten Verkehrsknotenpunkte der Metropole: An einer Dreieckskreuzung rasen Autos, Mopeds, Busse, Taxis und Sammeltaxis mit teils abenteuerlicher Geschwindigkeit hinauf in das Finanzviertel Levent, links den Bosporus entlang oder rechts in Richtung Altstadt.

Hier, am sechsspurigen Barbaros Boulevard, warten selbst die wagemutigen Fußgänger Istanbuls ausnahmsweise an der roten Ampel. Ein perfekter Ort für Wahlwerbung, denkt sich Hüseyin Bayram – wo sonst stehen die Bürger der immerzu hektischen Millionenstadt schon für eine Minute still?

Am kommenden Sonntag stimmt die Türkei über eine Verfassungsreform ab, die das Präsidialsystem einführen und erheblich mehr Macht in Präsident Recep Tayyip Erdoğans Hände legen würde. Es geht bei dem Referendum um ein Evet oder Hayır der Wähler – um ein Ja oder Nein.

Ein Ja-Resultat wäre eine Katastrophe, ist sich Bayram sicher. Wie viele Regierungsgegner beschreibt der 77-jährige Rentner die Verfassungsänderung als Blaupause für einen Einmannstaat. Das will der Senior verhindern, also verbringt er seine Nachmittage am Barbaros Boulevard, wo er seit Wochen versucht, seine Mitbürger für ein Nein stimmen zu lassen.

"Hört her," ruft er, als er kürzlich an einem Freitagnachmittag vor die wartenden Menschen an der Ampel tritt. Eine Frau zuckt erschrocken zusammen, andere Fußgänger beobachten merklich besorgt, wie Bayram, ein drahtiger Mann mit wirrem grauen Haar, sich mitten in die Fahrspur stellt. Genervte Taxifahrer hupen und fluchen.

Bayram lässt sich davon nicht stören. Er beginnt mit seiner Ansprache und holt weit aus. Es geht um die erodierende Gewaltenteilung, die schwindende Unabhängigkeit der Justiz, die Konzentration aller Macht in den Händen eines Mannes. Kaum einer der Passanten reagiert, außer ein paar Frauen, die nicken. Als die Ampel grün wird, klopft ein Mann im Vorbeigehen Bayram auf die Schulter.

Zehn Prozent der Wähler sind unentschieden

90 Prozent aller Reaktionen seien positiv, schätzt Bayram und lacht, als er sagt: "Die restlichen zehn Prozent sind Evet'çiler". Gemeint sind damit Ja-Sager, also Befürworter der Verfassungsreform. Eine wartende Passantin – die Ampel ist wieder rot – schaltet sich ein und merkt an: "Deren Meinungen können sie sowieso nicht ändern." Bayram nickt, aber schlimm ist das für ihn nicht. Seine Zielgruppe sind ohnehin die Unentschiedenen; laut Meinungsumfragen wissen etwa 10 bis 13 Prozent der Wähler noch nicht, ob sie Evet oder Hayır, Ja oder Nein stimmen werden.

Meinungsforscher sprechen von einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Weder die Befürworter noch die Gegner der Verfassungsreform haben eine klare Mehrheit. Zuletzt lag das Nein-Lager noch knapp vorne, seit Kurzem aber sagen Umfragen einen ebenso knappen Wahlsieg für die Ja-Sager voraus. Das Umfrageinstitut Gezici kam zuletzt zu dem Ergebnis, dass 53,3 Prozent der Wähler für die Verfassungsreform des Präsidenten stimmen.

Dass der Unterschied überhaupt derart knapp ist, überrascht, da die Voraussetzungen im Wahlkampf unfair sind. Die Opposition beklagt etwa, dass Erdoğan und seine Unterstützer oft auf staatliche Ressourcen zurückgreifen, wenn sie zum Beispiel Wähler in Gemeindebussen zu den Auftritten des Präsidenten fahren.

Dazu kommt, dass fast alle türkischen Medien hauptsächlich regierungsfreundliche Inhalte produzieren. Im März war Erdoğan auf Fernsehsendern für 53 Stunden zu sehen, andere AKP-Figuren für 83 Stunden; dagegen kamen die drei Oppositionsparteien zusammen nur 32 Stunden lang zu Wort. Die Auflagen- und Zuschauerzahlen kritischer Medien, wie etwa der Zeitung Cumhuriyet, sind zu niedrig, um die Masse der Wähler zu erreichen.