Recep Tayyip Erdoğan hat diesen Moment nie vergessen: Er war sieben Jahre alt, als er in der in der Zeitschrift Hayat Mecmuası Fotos des türkischen Premierministers Adnan Menderes entdeckte. Der Regierungschef war am 17. September 1961 nach einem Militärputsch von der Junta hingerichtet worden. Die abgedruckten Bilder zeigten Menderes mit einem weißen Totenhemd und gefesselten Händen am Galgen baumeln. "Damals habe ich nicht viel verstanden. Aber ich sah, dass mein Vater und meine Mutter sehr bestürzt waren, den Mann auf seinen Tod zugehen zu sehen." Gemeinsam mit seinem Vater habe er wegen des Unrechts geweint, so schilderte der heutige Staatspräsident Erdoğan einst rückblickend.

Gestern kündigte der heute 63-Jährige in Istanbul vor begeisterten Anhängern erneut an, die Todesstrafe wieder einführen zu wollen. Wenn er dafür nicht die Unterstützung im Parlament bekomme, "dann machen wir eben auch dazu eine Volksabstimmung".

"Er hat es so oft wiederholt, dass er bereit sei, die Todesstrafe einzuführen, dass ich es auch für möglich halte", sagt Gareth Jenkins, Türkei-Experte vom schwedischen Institut für Sicherheits- und Entwicklungspolitik (ISDP). "Er hat es immer und immer wieder gesagt. Es wird sehr schwierig für ihn, diese Ankündigung nicht umzusetzen." Das Scheitern der EU-Beitrittsverhandlungen nehme der Türke dafür in Kauf, weil er denke, dass er diese nicht mehr brauche.

Er muss etwas anbieten – und ich befürchte, es wird die Todesstrafe sein.
Gareth Jenkins, Türkei-Experte am schwedischen Institut für Sicherheits- und Entwicklungspolitik

Denn Erdoğan habe schon die Präsidentschaftswahlen für 2019 im Blick und brauche auch dafür wieder die Stimmen der Ultranationalisten. Und diese würden es dann vielleicht nicht verzeihen, wenn ihr Präsident sein Wahlversprechen und ihre Forderung nach dem Galgen nicht umgesetzt habe. "Er muss den Menschen etwas versprechen, um neue Stimmen zu bekommen", sagt der Wissenschaftler. "Die Wirtschaftskrise wird schlimmer, die Türkei ist international isoliert, er muss etwas anbieten – und ich befürchte, es wird die Todesstrafe sein", sagt Jenkins.

Nach jetzigem Stand hat in dem historischen Referendum eine Mehrheit der Türken für die Einführung eines Präsidialsystems gestimmt. Präsident Erdoğan sowie Regierungschef Binali Yıldırım sprachen von Sieg, doch dieser Sieg – wenn er sich bestätigen sollte – wäre so knapp und wackelig, dass der immer stärker werdende Mann aus Ankara seine Macht mit einer noch autokratischeren Politik wird zementieren müssen. Denn der Sockel, auf dem er jetzt steht, ist höchst bröckelig.

Seit dem Putschversuch im Juli 2016 hat Erdoğan Hunderttausende Beamte entlassen, mehr als 150 Journalisten verhaften lassen, im Wahlkampf massiv die Medien manipuliert, zahlreiche Verhaftungen im Nein-Lager und Oppositionspolitiker veranlasst, sich bei Dutzenden Auftritten die Kehle wund geschrien und gegen das verfassungsmäßige Neutralitätsgebot verstoßen. Trotzdem entschied sich letztlich immerhin rund die Hälfte der Wähler gegen Erdoğans Superpräsidentschaft, mit der er die Reste der defekten heimischen Demokratie in eine Autokratie umwandeln will.

In den Großstädten überwog das Nein

In den drei größten Städten des Landes – Istanbul, Izmir und Ankara – entschieden sich mehr Menschen mit Nein als mit Ja. Damit hat er erstmals nach 23 Jahren die Mehrheit in Istanbul verloren. Seit 1994 als Bürgermeister, und später mit der von ihm mitgegründeten Regierungspartei stand die AKP dort immer an erster Stelle. Eine knappe Mehrheit durch Unterdrückung von Gegenstimmen ist eine Niederlage, und jetzt steht Erdoğan Millionen Kriminellen im eigenen Land gegenüber – denn er hatte zuvor die Nein-Anhänger als "Terroristen" diffamiert.

Türkei-Referendum - Was das Evet für die Türkei bedeutet Eine knappe Mehrheit der Türken hat für die Verfassungsänderung gestimmt, die Präsident Erdoğan mehr Macht verleiht. Ein Überblick über die wichtigsten Punkte des Referendums © Foto: Carim Soliman