Schon gestern Abend gab es in russischen Medien das Gerücht, unter den 14 Toten des U-Bahn-Anschlags von St. Petersburg befinde sich auch der Attentäter. Im Netz machten Fotos eines jungen Mannes mit Brille, roter Parkajacke und einer Wollmütze die Runde. Heute Nachmittag kam dann die offizielle Bestätigung der Ermittlungsbehörden: Akbarschon Dschalilow, 22, gebürtiger Kirgise mit russischem Pass, soll verantwortlich sein für beide Bomben in der Stadt. 

Erst soll er die später entschärfte Bombe an der Metro Ploschtschad Wosstanija platziert haben. Kurz darauf habe er sich selbst im Zug zwischen den Stationen Sennaja Ploschtschad und Technologitscheskij Institut in die Luft gesprengt, teilten die Behörden weiter mit. Den Sprengsatz trug er offenbar im Rucksack. Sein Körper befand sich im Zentrum der Explosion. Mittels DNA-Analyse wurden schließlich an beiden Orten übereinstimmende Spuren gefunden. Der kirgisische Geheimdienst bestätigte, dass Dschalilow unter den Opfern gewesen sei und dass man die Eltern des Attentäters bereits befrage.

Damit haben die russischen Behörden einen ersten Teilerfolg erzielt. Davor hatten sich zwei Tatverdächtige als unschuldig erwiesen. Zunächst verdächtigten die Behörden einen Russen, der einen langen Bart trug, und mit schwarzem Mantel und Kappe bekleidet die U-Bahn bestieg. Als er die Fotos von sich im Fernsehen sah, meldete der sich Mann umgehend bei der Polizei. Es stellte sich heraus, dass es sich um einen zum Islam konvertierten ehemaligen Soldaten des Tschetschenienkriegs handelte. Mit dem Anschlag hatte er nichts zu tun. Danach fiel der Verdacht auf einen Studenten aus Kasachstan, der unter den Opfern war. Die Polizei ließ aber auch diesen Verdacht fallen.

Auch ohne öffentliche Erklärung der Ermittlungsbehörden scheint die Stoßrichtung klar zu sein: Der gemeinsame Nenner aller bisherigen Tatverdächtigen ist der Islam oder die Herkunft aus einer islamisch geprägten Region. Bisher hat sich aber keine Terrororganisation zum Anschlag bekannt.

Und so bleiben nur Spekulationen und die wenigen Vermutungen, die aus Ermittlungskreisen an die Presse durchsickern. Bekannt ist, dass Dschalilow seit sechs Jahren in Sankt Petersburg lebte, zunächst gemeinsam mit seinem Vater, der jedoch später zurück in die Heimat ging. Die Agentur Interfax berichtete von Vermutungen der Behörden, der junge Kirgise sei während eines Heimatbesuchs mit Anwerbern des IS in Kontakt gekommen.

Sollte die Version stimmen, wäre es der erste vom IS inspirierte Anschlag in Russland mit einer größeren Opferzahl. Bis vor wenigen Jahren führten die Spuren bei Anschlägen fast immer in den Kaukasus. Die Unruheregion befindet sich zwar nach den zwei Tschetschenien-Kriegen und Jahren voller Polizeigewalt wieder in der Hand von Moskau und kremltreuen Statthaltern. Doch es entzünden sich trotzdem beinahe monatlich kleinere Konflikte radikaler Islamisten mit den Sicherheitsbehörden vor Ort.

Manchmal erreicht die Gewalt auch Moskau und andere Städte, wie etwa 2010 bei der Explosion in der Moskauer Metro. Damals starben 41 Menschen. Durch einen Anschlag am Bahnhof von Wolgograd im Jahr 2013, verübt von einem Selbstmordattentäter aus der muslimisch geprägten Teilrepublik Dagestan, starben 18 Menschen.  

Allerdings soll sich ausgerechnet durch den Krieg in Syrien die Lage in Russland beruhigt haben, sagen Analysten. Die Zahl der Terroranschläge jedenfalls ist seit 2011 gesunken. Viele Radikale hatten sich nach Syrien abgesetzt, um dort gegen Präsident Assad zu kämpfen, der vielen Muslimen in Russland als Feind gilt. Die Geheimdienste schauten hier gerne weg. Fast vier Jahre lang hatte das Land keinen großen Anschlag auf eigenem Territorium erlebt. Doch diese Ruhe war trügerisch. Seit Russland selbst aktiv in Syrien mitkämpft, steigt die Zahl der Zwischenfälle wieder. Allein für das erste Halbjahr 2016 meldete das Innenministerium einen Anstieg um das Doppelte auf 1.300 Verbrechen mit Terrorhintergrund.