Wie reagiert Russland auf den US-amerikanischen Luftschlag in Syrien? Dazu muss man zunächst die einfache Frage beantworten, was der Kreml bisher in Syrien wollte. Die Antwort darauf ist freilich schon kompliziert. Es kommt ein Bündel von Zielen zusammen, hinter denen eine Mischung aus innenpolitischen, außenpolitischen und auch ideologischen Motiven liegt.

Zuerst sollte man heute in Russland immer nach innen schauen: Dem Machterhalt ordnet der russische Präsident Wladimir Putin fast alles unter. Zwar spielen auch andere Faktoren eine Rolle, aber die Furcht des Kremls vor einem Regimewechsel sollte in allen Analysen der russischen Politik eine zentrale Rolle spielen.

Man kann sich das Weltbild der gegenwärtigen russischen Machtelite wie eine Festung vorstellen. Der Kreml ist das Zentrum. Darum ziehen sich wie konzentrische Kreise Verteidigungsringe. Erst der Gartenring, dann die Moskauer Ringautobahn. Etwas weiter zwei Betonka genannte und in den 1950er Jahren gebaute Ringstraßen, in rund 50 und 100 Kilometer Entfernung vom Kreml, auf denen Panzer und anderes schweres Militärgerät zur Verteidigung von Moskau fahren soll. Weiter draußen liegt dann die russische Grenze, hinter der der Kreml seit vielen Jahren versucht, eine "Zone privilegierten russischen Interesses" in Form eines Rings von Russland mehr oder weniger abhängiger Staaten zu schaffen. In diese Sphäre reichen die Wurzeln der Annexion der Krim und der Krieg in der Ostukraine hinein.

Jens Siegert leitet am Moskauer Goethe-Institut das EU-Projekt "Public Diplomacy. EU and Russia". © privat

Syrien ist dann erst einmal Teil eines weiteren weiter in die Welt hinaus geschobenen Verteidigungsrings.

Diese Vorstellung korrespondiert mit einem anderen Treibmittel russischer Politik, der angeblichen Erniedrigung durch den Westen, die nach Kompensation, Aufhebung und Rache verlangt. Aus diesem Denken folgt aus russischer Sicht, dass ein vom Westen betriebener Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, ja eigentlich alles, was die USA und ihre Verbündeten in der Welt tun, vor allem das Ziel hat, Russland zu schaden. Entsprechend wurden der Kiewer Maidan und der Sturz des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch im Februar 2014 in Russland in erster Linie als gegen Russland gerichtet interpretiert. In dieser Logik wird weder Ukrainern noch Syrern ein eigenständiger Wille zugestanden.

Deshalb dürfte es kein Zufall gewesen sein, dass russische Truppen vor zwei Jahren genau in dem Moment in den syrischen Bürgerkrieg eingegriffen haben, in dem Assads Regime erstmals in Gefahr schien, zu stürzen.

Es geht fast immer um das Verhältnis zum Westen

In Syrien sollte natürlich Assad an der Macht gehalten werden, was bisher auch gelungen ist. Außerdem sollte der IS, der auch in zahlreichen muslimisch geprägten russischen Regionen und vor allem im Nordkaukasus eine Bedrohung ist, zumindest ein wenig, bekämpft werden. Russland sollte wieder zu einem ernst zu nehmenden Machtfaktor im Nahen Osten werden. Auch das ist gelungen, besser als im Kreml erhofft. Das militärische Eingreifen in Syrien sollte aber vor allem das Signal an Diktatoren dieser Welt senden, dass Russland sich ihnen erneut als zuverlässiger Partner gegen westliche Zumutungen anbietet; dass Russland sie im Gegensatz zum Westen auch dann nicht fallen lässt, wenn sich das eigene Volk gegen sie erhebt. Es ging also nicht so sehr um Assad, sondern um solche wie Assad. Und es ging nicht so sehr um Syrien, sondern um die USA, den Westen.

Die militärische Unterstützung Assads sollte den Westen dazu zwingen, sich mit Russland über die Ukraine zu verständigen. In gewisser Weise erhöhte der Kreml den Einsatz in der Auseinandersetzung mit dem Westen in der Ukraine. Die Hoffnung war, bei diesem Poker als Nicht-Demokratie mit einer patriotisch mobilisierten Gesellschaft nicht nur die besseren Karten, sondern auch die besseren Nerven zu haben. Auch das ist, zumindest bisher, gelungen.

Doch diese Strategie ist nicht ohne Risiken. Krieg weit abseits der eigenen Grenzen zu führen, das ist in Russland auch nach der Krim-Annexion unpopulär. Das dürfte einer der Gründe sein, dass über Einsätze russischer Bodentruppen in Syrien in den russischen Medien kaum berichtet wird. Auch Berichte über getötete russische Soldaten werden zurückgehalten, wo es möglich ist.