Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat seinem US-amerikanischen Amtskollegen Rex Tillerson vorgeworfen, keine Beweise für eine Schuld Syriens am Giftgasangriff auf die Stadt Chan Scheichun zu haben. Dies kritisierte Lawrow in einem ersten Telefonat der beiden Außenminister nach einem Luftangriff der US-Amerikaner auf ein syrisches Flugfeld, teilte das russische Außenministerium mit.

Tillerson sagte dagegen im US-Fernsehsender CBS, Russland müsse eine Feuerpause in Syrien unterstützen. Dann wären die Bedingungen gegeben, in einen politischen Prozess einzutreten. Tillerson sagte zudem, es gebe keinen Grund für einen Vergeltungsschlag Russlands. Auf Russen sei bei der Operation gegen den syrischen Luftwaffenstützpunkt nicht gezielt worden.

Tillerson wird am Dienstag zu zweitägigen Gesprächen in Moskau erwartet. Das russische Außenministerium hatte zuvor erklärt, Moskau erwarte bei Tillersons Besuch "Erklärungen" für den US-Angriff. 

Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­bri­el (SPD) erwartet unterdessen ein Ende der Un­ter­stüt­zung Russ­lands für den sy­ri­schen Dik­ta­tor Baschar al-As­sad. "Mein Ein­druck ist nicht, dass Russ­land für alle Ewig­keit seine schüt­zen­de Hand über Assad hal­ten wird. Umso wich­ti­ger ist es, dass wir jetzt bei den UN-Ge­sprä­chen vor­an­kom­men", sagte Ga­bri­el in der Bild am Sonntag.

Der deutsche Au­ßen­mi­nis­ter will Russland weiterhin einbeziehen. "Ohne Mos­kau wird es keine Lö­sung des Sy­rien-Kon­flikts geben." Es sei jetzt "von zen­tra­ler Be­deu­tung, dass wir die Spal­tung des UN-Si­cher­heits­rats über­win­den und die Frie­dens­be­mü­hun­gen unter dem Dach der Ver­ein­ten Na­tio­nen vor­an­brin­gen". Nur eine po­li­ti­sche Lö­sung, die von Russ­land, den USA und den be­deu­ten­den Re­gio­nal­mäch­ten mit­ge­tra­gen werde, könne das Leid der Men­schen be­en­den.

Zugleich forderte Gabriel eine Untersuchung des Giftgasangriffs durch die UN. "Wich­tig ist, dass die Ver­ein­ten Na­tio­nen und die Ex­per­ten der Or­ga­ni­sa­ti­on für das Ver­bot che­mi­scher Waf­fen (OVCW) jetzt um­ge­hend Zu­gang er­hal­ten und ihre Un­ter­su­chun­gen ohne Be­hin­de­run­gen durch­füh­ren kön­nen", sagte Ga­bri­el. Der Au­ßen­mi­nis­ter ist über­zeugt, dass der sy­ri­sche Dik­ta­tor Baschar al-As­sad die Ver­ant­wor­tung für den Gift­gasein­satz trägt: "Wir ver­fü­gen über In­for­ma­tio­nen un­se­rer Part­ner und von Kon­tak­ten vor Ort, die es sehr plau­si­bel er­schei­nen las­sen, dass das As­sad-Re­gime hin­ter die­sem furcht­ba­ren Gift­gasan­griff steckt."

Reaktionen auf US-Angriff - Westen steht nach US-Attacke in Syrien hinter Trump Europäische Regierungschefs und die EU-Kommission unterstützen Donald Trumps Entscheidung, Syrien anzugreifen. Syriens Bündnispartner Russland hingegen verurteilt den Angriff. © Foto: Jörg Vogler, Marion Payet / AFPTV/Diverse / AFP

Gabriel geht fest davon aus, dass sich der sy­ri­sche Dik­ta­tor für seine Gräu­el­ta­ten ver­ant­wor­ten wird müs­sen: "Wir haben es hier mit einem mör­de­ri­schen Re­gime zu tun, das für un­aus­sprech­li­che Ver­bre­chen, Hun­dert­tau­sen­de Tote und Mil­lio­nen von Flücht­lin­gen ver­ant­wort­lich ist", sagte Gebriel. "Ich bin si­cher, dass Assad über kurz oder lang für diese Ver­bre­chen zur Re­chen­schaft ge­zo­gen wer­den wird. Assad hat seine Zu­kunft je­den­falls be­reits hin­ter sich."

Am Dienstag waren nach einem syrischen Luftangriff auf Chan Scheichun mehr als 80 Menschen offensichtlich durch toxische Kampfstoffe getötet worden. Die syrische Regierung bestreitet, diese eingesetzt zu haben. Als Reaktion feuerten die USA am Freitagmorgen 59 Marschflugkörper auf den Flugplatz ab, von dem der Angriff am Dienstag ausgegangen sein soll. Es war der erste direkte US-Angriff auf die syrische Armee.