Im Schwedischen gibt es ein schönes Wort, das gut zur Situation passt: kärleksmanifestation. Es heißt Liebeskundgebung. Zu jenen trafen sich die Schweden am Wochenende nach dem Terroranschlag.   

Bei strahlendem Sonnenschein versammelten sich Tausende Menschen zur kärleksmanifestation. Das Bild, das Stockholms Zentrum bot, war überwältigend, trotz des schrecklichen Anlasses. "Unsere Lebensart und mögliche glänzende Zukunft macht vielen dunklen Kräften natürlich Angst", so Damon Rasti, der per Facebook zu dieser friedlichen Kundgebung eingeladen hatte, die ein Zeichen gegen den Terror vom Vortag setzen sollte.

"Es ist ungeheuer wichtig, dass wir in dieser Stunde von Schock und Angst uns nicht auf das primitive Niveau des Bösen herunterlocken lassen", sagte Rasti, der selber vor Jahrzehnten nach Schweden gekommen war. Razak Aboud, einer der Teilnehmer, sagte zur Zeitung Aftonbladet: "Stockholm ist ein Symbol für Freiheit, wie eine weiße Taube. Stockholm ist ein schönes Bild, das jemand zu zerstören versucht hat. Aber das ging nicht." Nina Gaballa, die häufig die Straße Drottninggatan, über die der Attentäter mit dem Lkw fuhr, langgeht, sagte, dass die Tat sich anfühle, wie "wenn der Feind in unser Heim eingedrungen ist".

Vier Menschen sind durch den Anschlag vom Freitag ums Leben gekommen. Gegen kurz vor drei Uhr nachmittags steuerte der Täter einen gestohlenen Lkw durch die Fußgängerzone Drottninggatan und fuhr dabei zahlreiche Menschen um. Anschließend rammte er den Wagen in den Eingangsbereich des Kaufhauses Åhlens, das an der Ecke von Sergels torg und Drottinggatan liegt. Wo Freitagnachmittag Menschen schreiend die Straße langliefen, Schutz suchten und Verletzten halfen, versammelten sich 24 Stunden später Tausende Bürger, Politiker und auch Polizisten zur Demonstration für Liebe und Frieden.

Ort der Öffentlichkeit

Der nach dem Künstler Johan Tobias Sergel benannte Platz hat für die Besucher und Bewohner der schwedischen Hauptstadt schon lange eine besondere Rolle gespielt. Hier verabredet man sich, um in der Innenstadt gemeinsam einkaufen oder Kaffee trinken zu gehen, auf dem Platz finden immer wieder politische Demonstrationen oder Flashmobs statt, die italienisch-schwedische Sängerin Veronica Maggio hat ihm ein Lied gewidmet. Sergels torg ist auch Drogenumschlagplatz und von hier geht der Eingang zur wichtigsten U-Bahnstation der Stadt ab. An einer Seite steht das sogenannte schwedische Centre Pompidou, ein gläserner Kulturbau mit Ausstellungsräumen und Theater, gegenüber Åhlens. Auf dem freien Platz dazwischen standen Samstag die friedlichen Demonstranten.

Das friedliche Gedenken mit dem in Stockholm auf den Hass und die mörderische Gewalt des Terroristen reagiert wurde, erinnert daran, wie Norwegen mit dem Terror des rechtsradikalen Norwegers Anders Behring Breivik umgegangen ist und diesen auch heute noch verarbeitet. Der hatte am 22. Juli 2011 mit einer Bombe und durch Schüsse in Oslo und auf der Insel Utøya insgesamt 77 Menschen, die meisten von ihnen Jugendliche und junge Erwachsene, ermordet. Drei Tage nach den Gräueltaten trafen sich damals mindestens 150.000 Menschen, um mit Rosen, Schildern und ihrer Präsenz gegen den Hass zu demonstrieren.  

Norwegen als Vorbild

Der damalige norwegische Ministerpräsident und jetzige Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hielt nach dem Terror mehrere bewegende Reden und zeigte sein Mitgefühl auch in kleineren Gesten. So gelang es ihm damals, die Norweger mit Empathie und Handlungskraft zu einen. "Wir werden unsere Werte nie aufgeben. Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanität", sagte er bei der Trauerfeier in der Osloer Domkirche. 

Er hatte keine Angst davor, zu zeigen, dass auch er mit den Tränen kämpfte und ging zu kräftigen, langen Umarmungen über, wenn es keine Worte mehr gab. Er zeigte Gefühl, Mitgefühl und einen Ausweg und nahm damit jedem etwas von seiner Last. In etwa so machen es die Stockholmer derzeit gemeinsam. Wie sie in Schweden mit der Tat umgehen, ähnelt Norwegen nach dem 22. Juli 2011.