Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den mutmaßlichen Giftgaseinsatz in Syrien als "barbarischen Angriff" verurteilt und die russische Regierung wegen deren Blockadehaltung im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) kritisiert. "Es ist eine Schande, dass keine UN-Sicherheitsratsresolution zustande kommt", sagte sie am Rande einer Bund-Länder-Konferenz im sächsischen Bad Muskau. Ohne die Führung in Moskau direkt zu nennen, fügte die CDU-Vorsitzende hinzu: "Und hier müssen gerade diejenigen, die sich verweigern, überlegen, welche Verantwortung sie damit auf sich nehmen."

Die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats hatten am Mittwoch keine Einigung auf eine von den USA, Frankreich und Großbritannien eingebrachte Resolution erzielt, mit der der Angriff verurteilt und eine rasche Aufklärung gefordert werden sollte. Russlands UN-Vizebotschafter Wladimir Safronkow sagte: "Zu diesem Zeitpunkt sehen wir hierfür keinen besonderen Bedarf."

Merkel hingegen sagte: "Es ist ein barbarischer Angriff, der unbedingt aufgeklärt werden muss. Chemiewaffeneinsätze sind Kriegsverbrechen." Deutschland werde zu jenen gehören, die den Dingen auf den Grund gehen werden.

Was am Dienstag in der syrischen Stadt Chan Scheichun geschah, ist umstritten. Bei dem Angriff auf die von Rebellen kontrollierte Kleinstadt waren nach Angaben der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mindestens 86 Menschen getötet worden, Dutzende weitere wurden verletzt. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums haben syrische Kampfflugzeuge ein Chemiewaffenlager der Rebellen getroffen. Die Opposition bestreitet das und macht das Regime von Machthaber Baschar al-Assad verantwortlich, einen gezielten Giftgasangriff auf die Stadt geflogen zu haben.

Dieser Darstellung haben sich neben den USA auch eine Reihe weiterer Staaten angeschlossen. So sagte der israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman in einem Zeitungsinterview, er sei sich "hundertprozentig sicher", dass der mutmaßliche Giftgasangriff auf "ein direktes und vorsätzliches Kommando des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad mit syrischen Flugzeugen" zurückgehe.

Auch Merkel sagte: "Es spricht leider manches dafür, dass es vom Assad-Regime ausgegangen ist." Dies gelte auch für die anschließende Bombardierung eines Krankenhauses, in dem Opfer versorgt worden seien. Russlands Präsident Wladimir Putin sprach hingegen von "unbegründeten Anschuldigungen" gegen die syrische Regierung. Gleichwohl forderte er eine "sorgfältige unparteiische internationale Untersuchung".

Bislang gibt es nur erste Analysen seitens des Gesundheitsministeriums in der Türkei, wo nach Angaben der Regierung mehr als 30 Verletzte des Angriffs behandelt wurden. Eine Untersuchung der Opfer hätte Hinweise auf das Nervengas Sarin ergeben, hieß es. Der chemische Kampfstoff gehört – genau wie Chlorgas – zu den Giftmitteln, die die Regierung in Damaskus außer Landes bringen und dort zerstören wollte. Die Zusage hatte Assad im September 2013 auf Druck der USA und auf Vermittlung Russlands erteilt. Die Operation unter Aufsicht der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) war im Januar 2016 offiziell für abgeschlossen erklärt worden.