ZEIT ONLINE: Frau Helberg, das Krankenhaus von Chan Scheichun ist wenige Stunden nach einem Giftgasangriff auf die Stadt von einer Rakete beschossen worden. War das kalkuliert?

Kristin Helberg: Dass Krankenhäuser angegriffen werden, ist Alltag in Syrien und hinlänglich dokumentiert. Dass aber nun gerade in dem Ort, der morgens mit Giftgas angegriffen wurde, auch noch das Krankenhaus beschossen wird, in dem die Verletzten behandelt wurden, ist wahrscheinlich kein Zufall. Auch wurde die lokale Zentrale der Weißhelme getroffen, des Zivilschutzes. Da kann man Kalkül nicht ausschließen.

ZEIT ONLINE: Der Ort Chan Scheichun liegt im Süden von Idlib. Die Provinz wird von einem syrischen Rebellenbündnis kontrolliert, sie ist der wichtigste Sammelort der Opposition. Kann man davon ausgehen, dass die syrische Luftwaffe die Angriffe verantwortet hat?

Helberg: Idlib ist die letzte große Enklave im Norden, die von verschiedenen Rebellenbündnissen kontrolliert wird. Dorthin werden Rebellen und Zivilisten vertrieben, wenn das Assad-Regime die Kontrolle über andere Landesteile übernimmt, etwa im Umland von Damaskus. Man kann sagen: In Idlib sammelt das Regime gerade seine Gegner. Deswegen wird die Provinz sehr regelmäßig vom Regime und von Russland aus der Luft angegriffen. Es liegt deshalb nahe, dass das Regime diese Angriffe geflogen hat, auch wenn wir es nicht mit Sicherheit wissen.

ZEIT ONLINE: Das syrische Militär bestreitet bis heute den Einsatz von Chemiewaffen.

Die Politikwissenschaftlerin Kristin Helberg hat sieben Jahre als Korrespondentin aus Damaskus berichtet und arbeitet heute als freie Autorin und Nahostexpertin in Berlin. Von ihr erschienen "Brennpunkt Syrien" (überarbeitet 2014) und "Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns" (2016), beide im Herder-Verlag. © Holger John

Helberg: Dabei sind die Angriffe dokumentiert und nachgewiesen. Im August 2013 gab es einen großen Sarin-Angriff auf die östlichen Vororte von Damaskus mit mehreren Hundert Toten. Darauf folgte Resolution 2118, ein Beschluss des Weltsicherheitsrates, wonach das Assad-Regime unter Aufsicht der OPCW sämtliche Chemiewaffen abzugeben hat. Doch seither gab es regelmäßig Angriffe mit Chlorgas. Chlor wird zwar offiziell nicht zu den Chemiewaffen gezählt, allerdings dann, wenn es in kriegerischer Absicht eingesetzt wird.

Zweimal, im April 2014 und im März 2015, wurde der Einsatz von Chlorgas ebenfalls in Idlib durch eine UN-Untersuchungskommission nachgewiesen. Damals wurde das Chlorgas aus Hubschraubern abgeworfen. Im Dezember 2016 berichtete die Ärzteorganisation UOSSM von einem Giftgasangriff mit 93 Toten in der Provinz Hama, von dem kaum jemand etwas mitbekommen hat. Und erst vergangene Woche meldeten Aktivisten einen Angriff mit Nervengas in Latamneh.

Solche Angriffe finden also regelmäßig statt. Die vielen kleinen Chlorgasangriffe, die in fast monatlichen Abständen aus Syrien vermeldet werden, nehmen wir gar nicht mehr wahr, weil es dabei selten Tote gibt. Bei Sarin ist die Todeszahl deutlich höher, weshalb Experten auch davon ausgehen, dass heute in Idlib Sarin eingesetzt wurde.

ZEIT ONLINE: Wozu führt der Einsatz von Sarin?

Helberg:
Es gibt keine äußeren Verletzungen. Die Menschen erbrechen, werden ohnmächtig und sterben mit Schaum vor dem Mund. Ein Arzt in Chan Scheichun filmte seinen Pupillentest – dabei leuchtete er mit einer Taschenlampe in die Augen der Patienten, ohne dass die Pupillen reagierten. Das soll auch ein Hinweis auf Sarin sein.

ZEIT ONLINE: Gibt es in Idlib überhaupt noch Krankenhäuser, in denen die Menschen behandelt werden können?

Helberg: Es gibt Krankenhäuser in der Provinz Idlib. Einige von ihnen wurden schon angegriffen, aber die Versorgungslage ist noch nicht so schlimm wie damals in Ost-Aleppo, wo es nach Jahren der Bombardierung so gut wie keine medizinische Versorgung mehr gab. Anscheinend versucht man jetzt, einige der Verletzten über die Grenze in die Türkei zu bringen. Das könnte eine Chance sein: Dann könnten Experten in der Türkei die Verletzten untersuchen und womöglich feststellen, welches Giftgas eingesetzt wurde.  

ZEIT ONLINE: Was bringt der Einsatz von Sarin-Gas als Mittel der Kriegsführung?

Helberg: Das ist schwer nachzuvollziehen, da das Assad-Regime durch Bomben eigentlich mehr erreichen kann. Der Einsatz von Fassbomben oder Raketen wird ja in den Medien kaum noch erwähnt, da hat Assad also freie Hand. Giftgas klingt da sehr viel drastischer und schreckt die Öffentlichkeit auf.

ZEIT ONLINE: Der Angriff fiel mit dem Beginn der Syrien-Konferenz in Brüssel zusammen.

Helberg: Diese zeitliche Überschneidung ist tatsächlich irritierend. Heute und morgen sitzen in Brüssel Vertreter von 70 Organisationen und Staaten zusammen, die über die Unterstützung Syriens in der Zukunft diskutieren wollen. Und in dem Moment startet mutmaßlich das Regime einen Giftgasangriff. Man könnte es so verstehen, dass das Regime allen zeigen will, dass es ohnehin macht, was es will. Außerdem ist es eine bloße Terrorisierung von Zivilisten. An Fassbomben und Raketen haben sie sich gewöhnt. Aber Giftgas erzeugt Panik.

Auf der anderen Seite hat Assad eigentlich Interesse daran, seine Beziehung zum Westen zu normalisieren. Und es schien ja auch so, als würden immer mehr Politiker seinen Verbleib an der Macht bis auf Weiteres akzeptieren. Kaum jemand sprach zuletzt noch von einem Machtwechsel in Syrien, auch weil die militärischen Bedingungen am Boden andere sind.

ZEIT ONLINE: Nicht zuletzt hat die US-Administration bekräftigt, dass man Assad nicht mehr zwangsläufig aus dem Amt haben will.

Helberg: Das stimmt. Allerdings äußern sich die US-Vertreter jeden Tag anders und widersprüchlich. Das Außenministerium verfolgt bisher keine einheitliche Linie. Das ist auch ein großes Problem im UN-Sicherheitsrat, dem die USA nun vorsitzen. Einmal sagt die UN-Botschafterin der USA, dass Assads Entmachtung nicht mehr das Wichtigste sei. Und im nächsten Moment sagt US-Außenminister Tillerson, dass es ganz schrecklich sei, was Assad in Syrien tue, und man nicht zulassen werde, dass er erneut für das Präsidentenamt kandidiere. Diese Plan- und Ahnungslosigkeit ist tragisch, denn gerade jetzt bräuchte man eine klare Syrien-Strategie im Weltsicherheitsrat. Es bleibt zu hoffen, dass Frankreich und Großbritannien das in die Hand nehmen.