"Wenn es ein 'Ja' wird, dann schließen wir die Firma", sagte Kemal Özkiraz vergangene Woche vor laufenden Kameras, und wirkte dabei sichtlich unsicher. Der Leiter des türkischen und als regierungskritisch geltenden Meinungsumfrageinstituts Akam hat vier Umfragen für das Verfassungsreferendum am Sonntag publiziert – und alle sagen ein klares "Nein" voraus. Trotzdem deutet einiges darauf hin, dass Özkiraz am Montag sein Unternehmen schließen muss.

Am Sonntag entscheiden die Türken über die Einführung eines Präsidialsystems. Mit einem "Ja" würden die Kompetenzen des Parlaments beschnitten, und Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan erhielte wesentlich mehr Macht. Der zeigte sich in einem Fernsehinterview am Donnerstagabend zuversichtlich. "Das 'Ja' ist deutlich gestiegen, während das 'Nein' gesunken ist", sagte Erdoğan, der ohne Unterlass für die umstrittene Verfassungsänderung wirbt, obwohl er als Präsident zur Neutralität verpflichtet ist, und der mit seinem Einsatz täglich gegen die Verfassung verstößt.

Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass das Schicksal des Landes von dem Ergebnis am Sonntag abhängt. Auf der linken Hälfte der Stimmzettel steht "Evet" – "Ja" auf weißem Hintergrund und auf der anderen "Hayir" – "Nein" auf braunem Hintergrund. Der Wähler entscheidet, indem er einen Stempel mit der Aufschrift "tercih" ("Auswahl") auf den bevorzugten Teil drückt.

Umfragen sagen knappen Ergebnis voraus

Gegner des Präsidialsystems warnen vor einer Ein-Mann-Herrschaft. Umfragen sagen ein knappes Rennen mit einem leichten Vorsprung des Erdoğan-Lagers voraus. Eine neue Umfrage der Konda-Gruppe sieht das Ja-Lager bei 51,5 Prozent, während die letzte Umfrage der Sonar-Gruppe 51,2 Prozent für das Nein-Lager erwartet. Nach einer Studie des Instituts Gezici wollen 51,3 Prozent der Wahlberechtigten für die Verfassungsreform stimmen, und 48,7 Prozent dagegen.

"Mein Land ist sehr krank, es ist eine kranke Gesellschaft", sagt Celâl Şengör. Der 62-Jährige ist der bekannteste Atheist der Türkei und ein international anerkannter Erdbebenforscher. Seit Jahren schon warnt der Hochschulprofessor und überzeugte Kemalist vor der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP und Erdoğan, denen er eine religiöse Unterwanderung und Aushöhlung der Demokratie vorwirft. Der Wissenschaftler wird am Sonntag mit "Nein" stimmen, doch er fürchtet, dass 60 Prozent mit einem "Ja" stimmen werden. "Die Menschen haben keine Ahnung, über was für weitreichende Veränderungen sie eigentlich abstimmen. Sie geben einfach Erdoğan ihre Stimme. Dieses Land hat ein Kulturniveau vergleichbar mit Afghanistan", schimpft Şengör. Und dies habe vor allem mit der Religiosität der Menschen zu tun, ist er sich sicher.

Nach einem Sieg werde Erdoğan seinen autokratischen Kurs als Willen des Volkes verkaufen, fürchtet Şengör. Dann werde der Präsident die Justiz endgültig unter seine Kontrolle bringen, das ohnehin schon schlechte Ausbildungssystem des Landes stärker nach dem Islam ausrichten, und ein weiteres Referendum für die Wiedereinführung der Todesstrafe initiieren. "Das ist schon etwas sehr Primitives", kritisiert Şengör. "Das Staatsoberhaupt hat keine Ahnung von der Zivilisation." Er selbst fühle sich nicht mehr wohl in seiner Heimat, sagt er mit resignierter Stimme.

Türkei - "Evet" oder "Hayır"? Am Sonntag, den 16.4. stimmen die Türken über eine Verfassungsänderung ab, mit der Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan ein Präsidialsystem einführen möchte. Hier ein Überblick zu den wichtigsten Punkten des Referendums © Foto: Carim Soliman