Gut zehn Monate nach dem Brexit-Referendum bedauert erstmals eine relative Mehrheit der Briten die Entscheidung zum Ausstieg aus der Europäischen Union. Dies ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov, die in der Zeitung The Times veröffentlicht wurde. Demnach bedauerten 45 Prozent der Befragten die Entscheidung, 43 Prozent begrüßten sie und zwölf Prozent waren unentschieden.

Ausgangspunkt war die Frage: "Denken Sie im Nachhinein, dass das Vereinigte Königreich recht oder unrecht hatte, die EU zu verlassen?" Gleichwohl zeigt die Umfrage, dass die Briten in der Bewertung des Brexits noch immer gespalten sind. So stehen 89 Prozent der EU-Befürworter auch weiterhin zu ihrem Votum vom vergangenen 23. Juni, bei den Brexit-Befürwortern waren es 85 Prozent.

Von den Befragten blickt eine Mehrheit eher skeptisch in die Zukunft. So sind 39 Prozent der Befragten der Ansicht, dass sich Großbritanniens wirtschaftliche Lage außerhalb der EU verschlechtern wird – 28 Prozent rechneten dagegen mit einer Verbesserung. Zudem äußerten sich 36 Prozent überzeugt davon, dass ihr Land nach dem Brexit über weniger Einfluss in der Welt verfügen wird. 19 Prozent waren gegenteiliger Meinung.

YouGov-Gründer Stephan Shakespeare - "Ohne Umfragen direkt vor der Wahl würden wir besser schlafen" Ob Donald Trump oder Brexit: Die Demoskopen lagen 2016 mehrmals daneben. Wie verlässlich sind Wahlumfragen noch und wie groß ist die Gefahr durch rechtspopulistische Kräfte in Europa?

Beim Brexit-Referendum hatten 52 Prozent der Briten für und 48 Prozent gegen einen Austritt votiert. Ende März hatte dann die konservative Premierministerin Theresa May das Austrittsverfahren nach Artikel 50 des EU-Vertrags offiziell ausgelöst. Darauf folgen nun rund zweijährige Verhandlungen zwischen der Regierung in London und der EU.

An diesem Wochenende wollen die Staats- und Regierungschefs bei einem Treffen in Brüssel einen ersten Verhandlungsrahmen abstecken – und dabei von voreiligen Zugeständnissen an das britische Königreich absehen. Dies machte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung an diesem Donnerstag im Bundestag noch einmal deutlich. "Ein Drittstaat, und das wird Großbritannien künftig sein, kann nicht über die gleichen oder gar noch bessere Rechte verfügen wie ein Mitglied der EU", sagte sie und fügte hinzu: "Ich habe das Gefühl, dass sich darüber einige in Großbritannien noch Illusionen machen."

Das Ende der britischen EU-Mitgliedschaft und die Verhandlungen über die künftigen Beziehungen Londons zu Brüssel stehen auch im Mittelpunkt des Wahlkampfs für die vorgezogene Parlamentswahl am 8. Juni. Premierministerin May hofft, gestärkt daraus hervorzugehen, um so die Brexit-Gespräche nach ihren Vorstellungen führen zu können.