Bislang haben sich die USA in dem seit sechs Jahren andauernden Krieg in Syrien auf den Kampf gegen die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) konzentriert. Jetzt haben sie zum ersten Mal die Regierungstruppen attackiert: Das US-Militär feuerte 59 Tomahawk-Marschflugkörper auf einen Stützpunkt der syrischen Luftwaffe nahe der Stadt Homs, wie Pentagon-Vertreter bestätigten. Die Geschosse seien von zwei Kriegsschiffen im Mittelmeer abgefeuert worden. 

Das Pentagon veröffentlichte Videomaterial, das den Abschuss der Raketen von US-Zerstörern zeigt. Sie hätten auf Flugzeuge sowie Start- und Landepisten gezielt. Die Raketen gelten als präzise. Über mögliche Opfer auf dem Stützpunkt wurde zunächst nichts bekannt. Die US-Streitkräfte seien dabei, die Ergebnisse der Operation auszuwerten. Nach Angaben der syrischen Regierung wurden mindestens fünf Menschen getötet, darunter zwei Zivilisten. Die der Opposition nahestehende Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte spricht von vier getöteten syrischen Armeeangehörigen, darunter ein General.

Der Angriff sei eine Reaktion auf den mutmaßlichen Giftgasangriff auf den Ort Chan Scheichun, bei dem die syrische Regierung laut den USA am Dienstag Chlor- sowie ein Nervengas, vermutlich Sarin, eingesetzt haben soll. Etwa 80 Menschen wurden dabei getötet. Ziel sei es, Machthaber Baschar al-Assad abzuschrecken und von weiteren Chemiewaffeneinsätzen abzuhalten, hieß es aus dem Pentagon. Die Zerstörung von Flugzeugen und Infrastruktur werde die Möglichkeiten dazu einzuschränken.

Der US-Angriff ist Donald Trumps deutlichster militärischer Schritt seit seiner Amtsübernahme vor zweieinhalb Monaten. Der Angriff sei "grundlegend für die nationale Sicherheit", sagte der US-Präsident in einer Fernsehansprache von seinem Domizil Mar-a-Lago in Florida aus. Bei der attackierten Luftwaffenbasis – Schairat bei Homs – handle es sich um den Ort, von dem aus der Giftgasangriff geflogen worden sei.


Angriff kam überraschend

Der Angriff der USA erfolgte überraschend. Trump und andere Regierungsvertreter hatten zwar zuvor schon gewarnt, diese Warnungen am Donnerstag aber lediglich intensiviert. Die Vereinigten Staaten wollten eine internationale Koalition schmieden, um Assad abzulösen, sagte Außenminister Rex Tillerson. Trump hatte sich von seinem Verteidigungsminister James Mattis über militärische Optionen im Syrien-Konflikt unterrichten lassen.

Nach der Veröffentlichung von Bildern des mutmaßlichen Giftgasangriffs hatte sich der US-Präsident ergriffen gezeigt; die Fotos von den Kindern hätten ihn geprägt und seine Haltung zum Syrien-Krieg verändert, sagte er. Im Wahlkampf hatte er von einem Eingreifen in Syrien stets abgeraten und gefordert, die USA dürften nicht in den Krieg hineingezogen werden.

Russland, das mit dem syrischen Machthaber Assad verbündet ist und dessen Streitkräfte militärisch massiv unterstützt, wurde nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums vorab über die Luftangriffe informiert. Es seien die notwendigen Vorkehrungen getroffen worden, um die Risiken für die in der Basis stationierten russischen wie syrischen Soldaten zu minimieren, sagte ein Pentagon-Sprecher.

Trump ruft Staaten zu Unterstützung auf

In seiner Fernsehansprache kurz nach dem Angriff rief Donald Trump alle "zivilisierten Nationen" auf, sich an einem Militäreinsatz in Syrien zu beteiligen. Einem Insider zufolge prüfen die USA derzeit alle militärischen Optionen. Dazu finde ein reger Austausch zwischen dem Verteidigungsministerium und dem Präsidialamt statt, sagte eine mit den Vorgängen vertraute Person. Der Einsatz von Raketen ermögliche den USA Angriffe in Syrien, ohne auf Kampfjets zurückgreifen zu müssen.

Der UN-Sicherheitsrat war wenige Stunden zuvor zum zweiten Mal daran gescheitert, eine gemeinsame Syrien-Resolution zu beschließen; die russische Regierung hatte sich dem widersetzt.

AFP/Getty
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