Die Nachfolge eines republikanischen Abgeordneten im US-Repräsentantenhaus wird zum ersten Test für Präsident Donald Trump vor den Zwischenwahlen 2018. Schauplatz ist der 6. Kongressbezirk von Georgia, der seit 1979 von den Republikanern gehalten wird, zuletzt von Tom Price. Da dieser für Trump als neuer Gesundheitsminister nach Washington gewechselt ist, muss ein Nachfolger gewählt werden – und die 700.000 Bürger des Wahlbezirks Atlanta-Nord sorgten für eine Überraschung: Erstmals seit fast 40 Jahren könnte der Sitz an die Demokraten fallen, die republikanische Kandidatin Karen Handel muss am 20. Juni in die Stichwahl.

Ihr Gegner ist der Demokrat Jon Ossoff, ein 30-jähriger Dokumentarfilmer und früherer Mitarbeiter des Abgeordneten Hank Johnson. Seine Kandidatur beschäftigte auch überregionale Medien wie die New York Times, die Wahl galt vielen Beobachtern als richtungsweisend. Für seine Partei wurde Ossoff zum neuen Hoffnungsträger, der den Demokraten nach der Niederlage von Hillary Clinton im November Auftrieb für die Midterm-Elections im kommenden Jahr geben könnte.

In den USA gilt Ossoff bereits als "Anti-Trump". Für seine Kampagne sammelte er rund acht Millionen Dollar an Spendengeldern aus den gesamten USA ein – eine beträchtliche Summe für einen Politneuling, der in einem kleinen Bezirk eine erste Wahl zu überstehen hat. Der 30-Jährige inszenierte sich als Vorkämpfer liberaler Werte, für Frauen- und Minderheitenrechte, für ein gerechtes Bildungssystem und gegen Korruption. Er posierte mit seiner Mutter und seiner Frau Alisha, zeigte sich zusammen mit dem 77-jährigen Abgeordneten John Lewis, eine Ikone der Bürgerrechtsbewegung, und präsentierte sich als Absolvent der London School of Economics.

Der Wirbel um Ossoff blieb auch dem Weißen Haus nicht verborgen. Kurz vor der Abstimmung schaltete sich Präsident Trump in den Wahlkampf ein und veröffentlichte eine Reihe von Tweets gegen den jungen Kandidaten. Ossoff sei ein "super-liberaler Demokrat", twitterte er. Er wäre ein "Desaster im Kongress", tue nichts gegen Kriminelle und illegale Einwanderer, nichts für die Schaffung neuer Arbeitsplätze, sondern werde vielmehr die Steuern erhöhen. Kurz danach legte er nach: Er habe gerade erfahren, dass Ossoff noch nicht einmal in seinem Wahlbezirk zu Hause sei.

Offenbar störte dies viele Wähler nicht: Ossoff erreichte 48,3 Prozent der Stimmen, verfehlte damit die absolute Mehrheit nur knapp. "Kein Zweifel, das war schon ein Sieg für die Ewigkeit", sagte er vor begeisterten Anhängern. "Wir sind bereit zu kämpfen und werden im Juni gewinnen."

Die republikanische Gegenseite hofft nun darauf, bis dahin noch weitere Wählergruppen mobilisieren zu können. Ihre Kandidatin Handel musste sich an diesem Dienstag mit 19,7 Prozent der Stimmen zufrieden geben. Trump deutete diese Beinahe-Blamage in einen "großen Sieg" seiner Partei um. Trotz des Geld von außen, der Einmischung der "FAKE Medien" und des großen Kandidatenfelds habe sich die Republikanerin durchgesetzt. Und, natürlich: Es habe ihn gefreut, helfen zu können.