Die Zeitungs- und Fernsehfotos aus Venezuela braucht man in diesen Tagen kaum zu kommentieren. Sie sprechen für sich selbst. Massenproteste füllen seit Tagen die Hauptstraßen in Caracas, schwer bewaffnete Sicherheitskräfte und private Milizen treiben die Menschen auseinander. Schon mehr als 30 starben. Die anderen Bilder aus Venezuela sind in der Regel leergeräumte Supermärkte, vor denen kilometerlange Schlangen von Menschen stehen. Dort wird irgend ein alltägliches Gut angeboten, das man in dem Land einfach nicht bekommt: Öl zum Kochen, ein Dutzend Eier, Toilettenpapier. Manchmal werden auch Bilder aus Krankenhäusern gezeigt. Dort schlafen und sterben Patienten auf dem Fußboden, Medizin und Verbandsmaterial sind vielerorts längst aus.

Warum bricht Venezuelas Regierung nicht zusammen? – Diese Frage stellen sich Venezuela-Beobachter schon seit Jahren, denn die Entwicklung ist nicht neu: Die Wirtschaftslage und die Versorgungssituation in diesem früher mal reichen Vorzeigeland Lateinamerikas ist immer schlechter geworden. Jahr für Jahr sind auch Prognosen erschienen, nach denen Venezuelas radikalsozialistische Regierung jetzt "mit dem Rücken zur Wand" stehe, dass das Land "kurz vor dem politischen Wechsel" sei und dergleichen mehr. Passiert ist so etwas aber – bisher – nicht.

Ganz im Gegenteil wird das Regime von Nicolás Maduro, der 2013 das Amt des Staatspräsidenten von dem verstorbenen Populisten und Revolutionsführer Hugo Chávez übernahm, in diesen Tagen zu einem gewagten und sehr traurigen Politexperiment. Wie lange kann sich eine entschlossene Regierung an der Macht halten, obwohl das Land ganz offensichtlich in ihren Händen kollabiert?

Die zwei Schlüssel zur Antwort lauten in diesem Fall: die Waffenhoheit und das Geld.

Viel Augenmerk auf der Kontrolle des Militärs

Mit der Waffenhoheit ist es kompliziert in Venezuela. Schon unter Hugo Chávez legte das sozialistische Regime viel Augenmerk auf die Kontrolle des Militärs. Mehr als 30 ranghöchste Generäle und sonstige Topsoldaten wurden rasch durch treue Chavistas ausgetauscht, Gefolgsleute des Comandante. Umstrukturierungen und interne Säuberungen taten ein Übriges dazu und seit Chávez gibt es eine enge Kooperation mit dem kubanischen Militär. Tatsächlich sprechen Militärinsider in Caracas von einem beträchtlichen Teil ihrer Einheiten als "die Kubaner".

Chávez hatte selber viel Rückhalt im Militär, weil er aus seinen Rängen kam (für Maduro gilt das nicht). Dennoch hatte sogar Chávez offenkundig ein paar Sorgen wegen der Loyalität. Zusätzlich zu den Generälen, zu den Polizeitruppen und dem Staatsschutz rief er Gruppen ins Leben, die "bewaffnete Kollektive" genannt werden. Sie haben ihre Hauptsitze in den Armutsbezirken der Großstädte, erhalten Geld und Waffen von der Regierung und werden quasi von niemandem kontrolliert. Chávez hatte die Colectivos offenbar als eine Art letzten Volkssturm zur Bewachung der Revolution gedacht, die sein Lebenswerk war. Bei den Antiregierungsprotesten der vergangenen Tage, und auch schon bei einer Welle von Protesten 2014, traten einige dieser Kollektive mit extremer Gewalt auf und schlugen sich mit Demonstranten.

Dass das Maduro-Regime sich nicht zu 100 Prozent auf sein Militär verlassen will, erklären venezolanische Politikbeobachter häufig damit, dass es keine Erfahrungswerte gebe. Anders als in anderen Ländern Lateinamerikas – etwa in Chile unter dem brutalen Diktator Augusto Pinochet – war das venezolanische Militär bisher nicht an einer Unterdrückung der eigenen Bevölkerung beteiligt. Das müsste Nicolás Maduro aber eventuell von seinen Generälen fordern, um weiterhin an der Macht zu bleiben.

Seine Unterstützung im Volk ist weitgehend verschwunden, sogar in den armen Teilen der Bevölkerung, wo die Chavisten früher eiserne, unbeirrbare Anhänger hatten. 2015 verlor die Partei der Chavisten in einem politischen Erdrutsch die Parlamentswahlen. Seither regiert der Präsident bloß noch mit Notstandsgesetzen, er ignoriert Parlamentsbeschlüsse oder lässt das Parlament hin und wieder von Aktivisten besetzen. Er hat Schlüsselpolitiker der Opposition ins Gefängnis gesteckt und Umbauten am Staat vorgenommen, die seine Widersacher verfassungswidrig nennen.

Diese Gegner sagen auch: Bei Maduro ist der Weg zum Diktator, der mit Militär und Geheimdienst die Mehrheit unterdrücken muss, nicht mehr weit.