Das Ja-Lager hat beim türkischen Referendum zur Einführung eines Präsidialsystems deutlich weniger Unterstützung von ultrarechten Wählern erhalten, als erwartet worden war. Laut dem Meinungsforschungsinstituts Gezici verweigerten fast zwei Drittel der Wähler der rechtsextremen MHP Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Gefolgschaft. Die Zahlen überraschen, weil sich die MHP-Führung um Parteichef Devlet Bahçeli mit Erdoğans islamisch-konservativer AKP verbündet hatte.

Getragen wurde die Zustimmung zum Präsidialsystem der Erhebung zufolge vor allem von AKP-Anhängern. Laut Gezici kamen 90 Prozent der Ja-Stimmen von Anhängern der Partei Erdoğans. Das entspricht etwa 45 der erreichten 51 Prozentpunkte.

Der Chef des Meinungsforschungsinstituts, Murat Gezici, ist derzeit ein vielgesehener Gast in türkischen Nachrichtensendungen. Grund dafür ist, das Gezici den Ausgang des Referendums in der vergangenen Woche präzise vorhergesagt hatte: Mit einer Prognose von 51,3 Prozent für Ja und 48,7 Prozent für Nein lag das Institut dem vorläufigen Ergebnis zufolge nahezu richtig.

Kurz vor der Wahl hatten sich die beiden Lager mit immer neuen eigenen Umfragen gegenseitig überboten. Die AKP rechnete zeitweise damit, dass bis zu 60 Prozent der Wahlberechtigten für das Präsidialsystem stimmen würden. Auch die Oppositionspartei CHP lag mit ihren Prognosen daneben: Sie hatte am Tag vor dem Referendum mitgeteilt, dass das Nein-Lager mit 58 Prozent der Stimmen gewinnen werde.

Keine volle Zustimmung unter AKP-Anhängern

Laut Gezici erreichte das Ja-Lager selbst unter den AKP-Wählern nicht das volle Potenzial. Im Vergleich zur Parlamentswahl vom Oktober 2015 hat die AKP demnach beim Referendum viereinhalb Prozentpunkte verloren. 90 Prozent der Wahlberechtigten, die 2015 ihre Stimme der AKP gaben, sollen beim Referendum Ja gesagt haben. Zehn Prozent stimmten dagegen mit Nein ab – eine Zumutung für die sonst so erfolgsverwöhnte AKP.

Gegen das Präsidialsystem sprachen sich den Gezici-Daten zufolge vor allem Menschen aus, die in Städten leben und über eine höhere Bildung verfügen. "Das ist ein Problem für die AKP, da sie junge Akademiker verliert. Und die sind in der Zukunft die potenziellen Wähler", sagte Murat Gezici. Im Wahlkampf habe daran auch die starke öffentlich Präsenz von Erdoğan nichts geändert.

Türkei - Erdoğan von Kritik unbeeindruckt Der türkische Präsident Erdoğan will die Debatten über das Verfassungsreferendum beenden und den Umbau zum Präsidialsystem rasch vorantreiben. Die Kritik von OSZE-Wahlbeobachtern wies er zurück. © Foto: Umit Bektas/Reuters