Der Philosoph Jürgen Habermas sieht vor der Wahl in Frankreich auch die deutsche Bundesregierung in der Verantwortung für einen drohenden Rechtsruck im Nachbarland. Deutschland habe eine Krisenpolitik durchgesetzt, "die die immer noch weiterschwelende Finanzkrise nicht gelöst" habe, sagte Habermas. Dadurch sei das Auseinanderdriften der Länder in Nord- und Südeuropa beschleunigt und "Europa tief gespalten" worden, sagte der Philosoph der ZEIT. "Ein 'Weiter so' mit demokratisch entmündigten Völkern, die über ökonomische Anreize zur Ordnung gerufen werden, besiegelt den Zerfall", sagte Habermas.

Für den Philosophen Peter Sloterdijk wäre Le Pens Wahlsieg "das Ende Frankreichs, wie wir es gekannt haben". Dadurch würde das Land jahrelang unregierbar werden, sagte er der ZEIT. Mit einer rechtsradikalen Präsidentin würden "die landestypischen Geister der Revolte zu neuem Leben erwecken", die in den letzten Jahren unter Hollande in "Ratlosigkeit versunken waren". Auch Sloterdijk befürchtet, dass ein nationalistisches Frankreich Europa in Gefahr bringen würde.

Der Tagesthemen-Moderator und Autor Ulrich Wickert hofft, dass der unabhängige Kandidat Emmanuel Macron die Wahl gewinnt: "Wird Macron gewählt, könnte das einen Aufbruch bedeuten für Frankreich, für Europa, für Deutschland."

Frankreich - Macron gegen Le Pen Die aussichtsreichsten Kandidaten im französischen Wahlkampf könnten kaum unterschiedlicher sein. Ein Überblick der Themen, mit denen Marine Le Pen und Emmanuel Macron Wahlkampf machen © Foto: Joel Saget / Getty Images, Lemaistre / Shutterstock

Die Franzosen wählen am 23. April einen neuen Präsidenten. Derzeit sehen Umfragen den unabhängigen, liberalen Kandidaten Emmanuel Macron und die rechtsnationalistische Front National Kandidatin Marine Le Pen vorne. Sie würden in die Stichwahl am 7. Mai einziehen. In der aktuellen ZEIT äußern sich neben Habermas, Wickert und Sloterdijk weitere Intellektuelle zu den Präsidentschaftswahlen in Frankreich, darunter Alice Schwarzer,Wolfgang Streeck und Martin Walser.