Zwei Frauen werden in einem Krankenhaus von einem ausländisch aussehenden Mann angegriffen. Ein Feuerwehrmann verliert bei einer Demonstration von Vorstadtjungs ein Auge. – Dies sind zwei der am meisten geteilten Videos in Frankreich in den vergangenen Wochen. Nur: Sie stimmen so nicht. Kurz vor dem ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl am 23. April verbreiten rechtsextreme Facebook-Seiten und Blogger Falschmeldungen en masse. Ihr Ziel ist es, Stimmung zu machen für die Wahl der rechtsextremen Kandidatin Marine Le Pen. Sie schüren Ängste vor Flüchtlingen, vor gewalttätigen Jugendlichen oder vor einem möglichen Präsidenten Emmanuel Macron, dem liberalen Favoriten in den Umfragen.

Der Front National (FN) ist im Web bestens organisiert: 1996 war er die erste französische Partei mit einer eigenen Website, und noch heute mobilisiert er mehr als alle anderen Kandidaten seine Anhänger im Web. Allein bei Twitter folgen Le Pen 1,4 Millionen Menschen.

Das Neue in diesem Jahr ist allerdings, dass der FN mit seinen falschen und fehlerhaften Behauptungen nicht mehr alleine dasteht. Der Wahlkampf ist besonders aufgeheizt: Zum ersten Mal scheint sich Marine Le Pen für den zweiten Wahlgang zu qualifizieren, der neue unabhängige Kandidat Macron macht den bestehenden Parteien ihre Pfründe streitig, der konservative Ex-Favorit François Fillon leidet unter seinen zahlreichen Affären, und wenige Tage vor der Wahl kommt den drei Anführern zudem noch der linke Jean-Luc Mélenchon gefährlich nahe. Das Rennen ist offen. Ein Klima, in dem halb wahre Meldungen und falsche Geschichten prosperieren.

Zwei der aussichtsreichsten Kandidaten kritisieren zudem pauschal "die Medien" und ihre angebliche Kampagne gegen sie: Der konservative Fillon macht die Presse für die "Hetzjagd" auf ihn verantwortlich, obwohl gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen möglicher Scheinbeschäftigungen seiner Frau und zwei seiner Kinder läuft. In einer Fernsehsendung behauptete er, die sozialistische Regierung habe ein verdecktes Kabinett eingerichtet, um ihn mit Anschuldigungen aus dem Rennen zu schlagen. Nur konnten die Ermittler keinerlei Hinweise auf dieses Kabinett finden und stellten ihre Untersuchungen umgehend ein.

Unter dem Hashtag #chasseAlLomme – Stopp der Menschenjagd – machte Fillons Team dennoch Stimmung gegen das Ermittlungsverfahren, das er sich selbst zuzuschreiben hat. Der Kommunikationswissenschaftler Nicolas Vanderbiest deckte auf, dass die Nachricht hundertfach von rund 40 verschiedenen Twitter-Konten versandt – und alle von einer einzigen Person bedient wurden. "Es sind reine Phantomkonten, die zur selben Sekunde denselben Inhalt verschicken", so Vanderbiest. Alles mit dem Ziel, einen Sturm der Entrüstung gegen die Medien zu inszenieren.

Rechts von ihm hat Marine Le Pen schon immer behauptet, die Presse hätte es auf sie abgesehen. "Die Journalisten stehen Schlange, um ihre vergifteten Pfeile auf mich abzuschießen", sagte sie vergangene Woche auf einer Wahlkampfveranstaltung. Der Applaus war ohrenbetäubend.

Diese Allianz von Fillon und Le Pen gegen Berichte über sie wertet die Antimedien auf: Seiten mit so sprechenden Namen wie "Die Linke hat mich umgebracht" oder "Französischer Abstammung" erreichen Hunderttausende Leser. Auch über politisch neutral aussehende Facebook-Seiten geben sich ihre Parteianhänger als Aufklärer – mit ähnlichen Worten wie Le Pen oder Fillon. Facebook dient ihnen nur als neutrales Schaufenster für die dahinter versteckte rechte Ideologie. Sie tragen beispielsweise Namen wie "Ich unterstütze unsere Feuerwehrmänner" oder auch "Meine Presseschau", die schnell Zehntausende Anhänger generieren konnten. Häufig verbreiten sie allerdings Falschmeldungen.