Dieses Interview ist eine leicht gekürzte, freie Übersetzung der türkischen Fassung.

ZEIT ONLINE: Herr Şener, würden Sie zustimmen, dass Kampagne und Wahltag nicht auf demokratische Weise abgelaufen sind?

Şener: Ich habe Zweifel, dass die Abstimmung an den Urnen tatsächlich ein Ja ergeben hat. Vom ersten Tag an war ich der Meinung, dass diese Verfassungsänderung abgelehnt werden musste, dafür habe ich in 20 Provinzen Veranstaltungen gemacht. Ich bin auch in Fernsehprogrammen aufgetreten, die keine sehr hohe Einschaltquote haben, aber immerhin. Der Staat hat mich nämlich mit einem Auftrittsverbot auf Sendern mit hohen Einschaltquoten belegt.

Abdüllatif Şener, 63, war Gründungsmitglied der "Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei" AKP. Er war Abgeordneter und Finanzminister. 2007 verließ er die AKP im Streit, wie es heißt. 2009 gründete er die "Türkiye Partisi", die allerdings unbedeutend blieb. Vor und nach seiner aktiven Zeit als Politiker war er Wirtschaftsprofessor. Vor dem Referendum setzte er sich in zahlreichen Veranstaltungen für ein Nein ein. © Reuters

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Sie haben sich für ein Nein eingesetzt und dafür das Land bereist. Konnten Sie das bequem machen oder haben Sie während dieser Zeit irgendeinen Druck verspürt? Etwa von alten Parteifreunden?

Şener: Nein, ich persönlich nicht. Aber weil ich nun Oppositioneller bin, werde ich hart angegriffen, auch wenn ich nur bescheidene Kritik äußere wie "Diese Verfassungsänderung ist gegen die Menschlichkeit, gegen die Demokratie und auch gegen islamische Werte", etwa auf Twitter, erhalte ich Tausende Beschimpfungen. Einige Menschen haben sich sehr militarisiert. Ich spüre einen Hauch von Nahost, da sind welche, die so denken wie der IS oder al-Nusra. Da heißt es gleich: "Wenn ich dich in die Finger kriege, dann mache ich dich fertig", und solche Dinge.

Es passieren auch andere Sachen. Eine Studentenvereinigung einer Uni hatte mich eingeladen. Einen Tag vor der Veranstaltung luden sie mich aus, weil das Rektorat meinen Auftritt nicht wollte. In anderen Provinzen wiederum sagten uns Betreiber von Veranstaltungshallen wieder ab, obwohl wir bereits die Anzahlung geleistet hatten. Die Bürger werden unter Druck gesetzt.

ZEIT ONLINE: Wie kann man ein System implementieren, das wenigstens die Hälfte der Bevölkerung partout nicht will?

Şener: Nach diesen Änderungen wird die Türkei keine Demokratie mehr sein. Demokratie bedeutet nicht nur, Abstimmungen abzuhalten. Darüber hinaus gab es bei Wahlen in den vergangenen Jahren viele Unregelmäßigkeiten. Aber davon abgesehen gibt es in der Türkei auch keine Pressefreiheit und keine Zivilgesellschaft. Keinen Rechtsstaat, keine Gewaltenteilung, es gibt Menschenrechtsverletzungen. Wo die Justiz abhängig geworden ist, kann man nicht mehr von Demokratie sprechen. Sie wissen, bei uns gibt es den Hohen Rat der Richter und Staatsanwälte (Kontroll- und Personalentscheidungsgremium innerhalb der Justiz, Anm. d. Red.), von nun an wird der Präsident alle dessen Mitglieder direkt oder indirekt selbst auswählen. In diesem neuen System ist das Parlament gleich dem Präsidenten. Denn er wird die Kandidaten seiner Partei, die wahrscheinlich die Mehrheitspartei sein wird, für das Parlament bestimmen. Oder jene, die nicht das tun, was er sagt, aussortieren. Es wird nicht um Verdienst oder Qualifikation gehen, sondern um Anhängerschaft und Loyalität. Wir haben ein System, das auf Gefügigkeit basiert.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie diese Wahrheiten aussprechen, bekommen Sie dann Reaktionen aus Ihrer alten Partei?

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