Die erste Begegnung zwischen Recep Tayyip Erdoğan und Donald Trump ist auch der Versuch, die in den Obama-Jahren frostig gewordene Beziehung zwischen den USA und der Türkei aufzutauen. Die türkische Regierung setzte zum Ende der US-Präsidentschaftswahlen auf die Republikaner – weil sie sich von Trump ein entschlosseneres Vorgehen gegen Machthaber Assad und der als Terrorvereinigung eingestuften PKK erhofften.

Noch bevor sich die Staatsmänner aber in Washington das erste Mal die Hand geben können, ist die Stimmung bereits am Tiefpunkt. Trump will die syrische Kurdenmiliz YPG erstmals auch mit schweren Waffen ausrüsten, damit stellt er sich gegen eine Kernforderung Erdoğans. Denn die Türkei sieht sich durch die Bewaffnung der YPG in ihrer Sicherheit bedroht. Es ist nicht das einzige Streitthema, bei dem der türkische Präsident sich am Ende vermutlich nicht durchsetzen wird. Für Erdoğan kann es beim Washington-Besuch nur noch um maximale Schadensbegrenzung gehen.

Kurdenmiliz spaltet Nato-Partner

Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) kontrollieren Gebiete in Nordsyrien, die an die Südosttürkei grenzen. Als Teil der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) ist die Miliz für die USA bei der Offensive auf die Stadt Rakka unverzichtbar. Pläne, die YPG mit schweren Waffen auszustatten, gab es deshalb auch schon während der Präsidentschaft von Barack Obama. Aber erst unter Trump wird diese Horrorvorstellung für die Türkei Realität. Die USA hat klargestellt, dass sie die YPG im Kampf gegen die Dschihadisten in Syrien mit schweren Waffen ausstatten will. Die Kurdenmiliz gilt als die effektivste Einheit in der Anti-IS-Koalition. Erdoğan will ihre Aufrüstung um jeden Preis verhindern und gibt dem Thema deshalb die höchste Priorität beim Treffen mit Präsident Trump. "Man kann eine Terrororganisation nicht mit einer anderen Terrororganisation bekämpfen", sagte Erdoğan im Vorfeld. "Das Manöver der USA passt nicht zu unserer gemeinsamen Strategie. Das werde ich Präsident Trump sagen." Es sind klare, aber auch für Erdoğans Verhältnisse ungewöhnlich zurückhaltende Worte.

Dabei ist die Sorge der Türkei nicht unbegründet. Die YPG gilt der PKK, dem Erzfeind der Türkei, als ideologisch nahestehend. Auch der deutsche Verfassungsschutz erkennt die syrische Kurdenmiliz als ihre "Schwesterorganisation" an. Die kurdische Untergrundorganisation PKK ist in Deutschland und den USA als Terrororganisation eingestuft und mit einem Betätigungsverbot belegt, auch wenn die Umsetzung des Verbots ein Streitthema bleibt. 

Die türkische Zeitung Hürriyet berichtete, dass Erdoğan Trump auch eine Liste übergeben wird. Darin seien Waffen gelistet, die die USA, Großbritannien und Deutschland kurdischen Anti-IS-Kämpfern gegeben hatten, die jedoch am Ende in die Hände von PKK-Kämpfern gefallen seien. Die Türkei fürchtet, dass dies auch mit den schweren Waffen und gepanzerten Fahrzeugen der Amerikaner passieren wird, sollte die Übergabe an die YPG erfolgen. Oder in den Worten des türkischen Außenministers Mevlüt Çavuşoğlu: "Jede Waffe, die der YPG in die Hände fällt, ist eine Bedrohung für die Türkei."

"Die Luft ist raus"

Erdoğans zurückhaltende Reaktion liegt vermutlich daran, dass er nicht damit rechnet, Donald Trump noch umstimmen zu können. Selbst staatsnahe AKP-Medien, die die USA verteufeln, drängten Erdoğan nicht direkt die harte Linie auf, Trumps YPG-Kurs brechen zu müssen. Liberale Journalisten fragten sogar, ob es nicht endlich an der Zeit sei, mit der syrisch-kurdischen Miliz zu verhandeln. "Die Luft aus dem Besuch ist raus", sagt Günter Seufert, Türkei-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik.

"Es geht Erdoğan jetzt nur noch darum, innenpolitisch sein Gesicht zu wahren und mit möglichst vielen Versprechungen zurückzukommen." Zum Beispiel eine Zusicherung der Amerikaner, die Grenze der Türkei zu schützen, den kurdischen Milizen die Waffen nach dem Kampf gegen den IS wieder abzunehmen oder im Kampf gegen die PKK amerikanische Geheimdienstressourcen mit der Türkei zu teilen.