Gut zehn Minuten lang trat der 78-jährige Michel Temer am gestrigen Samstag vor die Fernsehkameras und versuchte angestrengt, das Unleugbare zu leugnen. Nein, er habe mit der Serie von Bestechungsskandalen der vergangenen Monate und Jahre nichts zu tun. Er habe auch keine Antikorruptionsermittlungen behindert. Auf gar keinen Fall habe er Schweigegeld an den ehemaligen Parlamentspräsidenten Eduardo Cunha schicken lassen – der früher mal ein enger Verbündeter Temers war, seit Oktober aber wegen Bestechlichkeit und Geldwäsche im Gefängnis sitzt.

Doch vergangene Woche wurden Audiomitschnitte von Temer bekannt, die offenbar im März heimlich aufgezeichnet wurden und in denen die Sache ganz anders erscheint. Da unterhält sich der Präsident mit einem Chef des größten Fleischkonzerns des Landes, JBS, und der Unternehmer erzählt Temer von lauter illegalen Aktivitäten. Er besteche zum Beispiel Richter und er zahle ein großzügiges monatliches Schweigegeld an den inhaftierten Cunha. Der Präsident sagt dazu nichts, tut so, als sei alles ganz normal, und er feuert den Milliardär bisweilen sogar an. Am Samstag erklärte Temer, die Aufzeichnungen seien verändert worden, aber die Polizei streitet das ab. Der Oberste Gerichtshof Brasiliens hat ein Verfahren gegen den Präsidenten eröffnet.

Der Abhörskandal aus Brasília passt jedenfalls gut ins Bild. Seit mehreren Tagen schon legt eine Serie von Kronzeugengeständnissen, abgehörten Telefongesprächen und heimlich fotografierten Schmiergeldübergaben nahe, dass Temer und seine Regierung nicht nur tief in mehrere Bestechungsskandale verwickelt sind. Es gibt auch Anzeichen dafür, dass sie gemeinsam mit Verbündeten im Parlament und sogar beim Obersten Gerichtshof die Aufklärung solcher Verbrechen behindern wollen. Temers politische Gegner behaupten das schon lange, doch nun erscheint die Beweislast überwältigend. Sogar der einst Temer-treue Medienkonzern Globo hat den Rücktritt des Präsidenten fordert. Auf den Straßen mehrerer Städte brachen in den vergangenen Tagen Proteste aus.


Das Ironische an der Geschichte: Schlachtrufe über den "Kampf gegen die Korruption" brachten Michel Temer vor einem guten Jahr an die Macht. Ein ungewöhnlich engagiertes Team von Staatsanwälten und ein Spezialrichter für Finanzangelegenheiten namens Sergio Moro hatten damals Monat für Monat Bestechungsskandale aufgedeckt: Bei vielen Bau- und Förderprojekten rings um den staatlichen Ölkonzern Petrobras waren offenbar systematisch drei Prozent der Vertragssummen abgezweigt worden. Sie flossen den Politikern vieler Parteien zu, von links bis rechts.

Millionen Brasilianer demonstrierten daraufhin gegen Korruption in der Politik, und sie machten hauptsächlich die damalige Präsidentin Dilma Rousseff verantwortlich. Sie muss sicher von dem Ganzen gewusst haben, allerdings wurden gegen sie bis heute keine Vorwürfe irgendeiner persönlichen Bereicherung erhoben. Auch in dem damaligen Amtsenthebungsverfahren ging es nicht um Bestechung, sondern um technische Angelegenheiten der Haushaltsführung, was ein offensichtlicher Vorwand war. Rousseffs damaliger Vize Michel Temer rückte nach, ein in der Bevölkerung wenig bekannter Politiker, ein Experte für Hinterzimmerdeals, der wegen seiner steifen Manieren und seiner gothisch inspirierten Erscheinungsweise bisweilen "der Vampir" genannt wird.

Temer umgibt sich mit Großunternehmern

Der zum Präsidenten aufgestiegene Vize versuchte sich in einem politischen Kurswechsel. Er betrieb etwa die gegenteilige Politik der sozial orientierten Rousseff, die deshalb seither von einem "Staatsstreich" spricht: Temer umgab sich mit Großunternehmern und ihren Verbandschefs, stieß harsche Sparreformen an, kappte Arbeiterrechte und Minderheitenschutz. Er lockerte Umweltregeln und schwächte beispielsweise das Amt für Indianerangelegenheiten, was den Großgrundbesitzern des Landes gut gefiel. Schon früh nach dem Start der neuen Regierung kamen Belege ans Licht, Minister im Kabinett Temer könnten offenbar versuchen, Antikorruptionsermittlungen abzuwürgen. Mehrere Minister nahmen ihren Hut.

Doch ob es nun Versuche zur Behinderung der Fahnder gab oder nicht – Erfolg hatten sie offensichtlich nicht. Der Richter Moro und die Staatsanwälte sind inzwischen viel weiter als im vergangenen Jahr. Sie haben unter anderem den größten Baukonzern des Landes Odebrecht der Bestechung überführt. Dessen früherer Chef sitzt im Gefängnis, hat umfangreich gestanden und viele Politiker schwer belastet. Das neueste Großgeständnis kommt nun vom weltweiten größten Fleischproduzenten JBS, der umgerechnet 160 Millionen Euro an 1.829 Politiker aus 28 Parteien ausgezahlt haben will. Auch Rousseff und ihr Amtsvorgänger Luiz Inácio Lula da Silva sollen von JBS dreistellige Summen auf Auslandskonten erhalten haben – was sie bestreiten. Die Ermittler brachten ferner zutage, dass beim Amtsenthebungsverfahren gegen Dilma Rousseff im vergangenen Jahr erhebliche Schmiergelder an Abgeordnete geflossen sind – und zwar sowohl zu ihrer Unterstützung als auch für ihren Rauswurf.

Diese Anschuldigungen werden noch zu prüfen sein, aber so oder so verdichtet sich das Bild, dass quasi alle Parteien über viele Jahre Milliardensummen von Brasiliens Großunternehmen erhalten haben.