Küsschen links, Küsschen rechts, damit ist jetzt wohl Schluss. Wenn sie sich das nächste Mal treffen, kann die britische Premierministerin Theresa May schon froh sein, wenn Jean-Claude Juncker ihr wenigstens noch den Vulkanier-Gruß zeigt und "Live long and prosper" zuflüstert.

Denn für den EU-Kommissionspräsidenten lebt May "in einer anderen Galaxie". Das ist die sprachliche Ebene, auf der nun die Ausgangspositionen für die Brexit-Verhandlungen festgelegt werden.

Juncker hatte die Formulierung gewählt, als er am vergangenen Donnerstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel telefonierte, am Tag nach einem laut der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) "denkwürdigen Abend" bei May in London. Dass sowohl die FAS wie auch die britische Times das Zitat von Junckers Leuten durchgesteckt bekamen, dürfte ganz im Sinne ihres Chefs liegen.

Der Streit beginnt bei 60 Milliarden Euro

May hatte Juncker eine ganze Reihe von Forderungen genannt, die aus EU-Sicht inakzeptabel sind. Was spätestens seit dem Sondergipfel am Samstag klar sein dürfte. So will die britische Regierungschefin von Anfang an über ein Freihandelsabkommen reden, während die EU erst einmal den eigentlichen Austritt regeln will.

May ist zudem der Meinung, ihr Land schulde der EU nach dem Austritt kein Geld mehr – die anderen 27 Länder jedoch fordern, dass die Briten alle finanziellen Verpflichtungen erfüllen und auch zu ihren Zusagen im mehrjährigen EU-Finanzrahmen stehen. Dieser läuft noch bis Ende 2020, also fast zwei Jahre länger, als Großbritannien noch Mitglied ist. Insgesamt geht es um 60 bis 65 Milliarden Euro.

May will die künftigen Rechte der drei Millionen Europäer im Königreich schon im Juni geklärt haben, indem ihnen einfach die gleichen Rechte zugestanden werden wie allen anderen Ausländern auch. Die EU aber hofft auf ähnlich viele Sonderrechte, wie sie EU-Bürger auf der Insel bisher auch genießen, die Unterhändler rechnen deshalb mit langwierigen, komplexen Verhandlungen.

Brexit - Leitlinien für EU-Austritt Großbritanniens auf Sondergipfel beschlossen Die eigentlichen Verhandlungen sollen nach Angaben von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker erst nach den britischen Unterhauswahlen am 8. Juni beginnen. Der Brexit soll dann 2019 vollzogen werden. © Foto: Vidal/Reuters

May will, dass die Verhandlungsergebnisse bis zum Abschluss geheim bleiben. Die EU-Kommission hingegen will sie umgehend veröffentlichen, schließlich müssen sie mit dem EU-Parlament und den Mitgliedstaaten abgesprochen werden.

"Let us make Brexit a success", zitiert die FAS die Premierministerin dann noch. Juncker widersprach, schließlich werde Großbritannien dann nur noch ein Drittstaat außerhalb der Zollunion sein: "Der Brexit kann kein Erfolg werden."

"Ich verlasse die Downing Street zehnmal skeptischer, als ich vorher war", sagte Juncker im Anschluss an das Gespräch. Aus seinem Umfeld hieß es nach Angaben der Zeitung, die Wahrscheinlichkeit, dass die Verhandlungen scheitern, liege bei "über fünfzig Prozent".