Hat sich das "desaströse Brexit-Dinner" tatsächlich so abgespielt? Einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zufolge soll das Treffen von Großbritanniens Premierministerin Theresa May mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und dem EU-Brexit-Verhandlungschef Michel Barnier in London in der vergangenen Woche wirklich bizarr verlaufen sein. So bizarr sogar, dass Juncker am Ende des Treffens seiner Gastgeberin gesagt haben soll: "Ich verlasse Downing Street zehnmal skeptischer, als ich es vorher war."

May und Brexit-Minister David Davis, der bei dem Abendessen ebenfalls dabei war, sollen Juncker und Barnier eine Reihe von Positionen präsentiert haben, die es in sich hatten. Die in Großbritannien lebenden EU-Bürger? Sollen nach dem Brexit wie Drittstaatler behandelt werden. Der Inhalt der Verhandlungen? Soll bis zum Abschluss geheim bleiben. Über was soll wann verhandelt werden? Die EU möchte erst die Scheidungsmodalitäten klären, bevor die Gespräche über ein Freihandelsabkommen beginnen. May möchte über beides gleichzeitig reden. "Let us make Brexit a success", soll May in die Runde gesagt haben. "Der Brexit kann kein Erfolg werden", soll Juncker entgegnet haben.

May hat offenbar mit einem Hinweis auf Sonderregelungen für Großbritannien beim Vertrag von Lissabon für Verblüffung gesorgt. Damals hatte London Ausstiegsklauseln für die gesamte Innen- und Rechtspolitik ausgehandelt und zu Hause als große Errungenschaft verkauft, war danach aber bei den meisten betroffenen Rechtsakten sofort klammheimlich wieder eingestiegen. Das könne man bei den Brexit-Verhandlungen doch ähnlich halten, soll May angedeutet haben: Große, symbolische Schnitte machen, um dann aber doch Vieles beim Alten zu lassen. Ein Brexit à la carte, sozusagen.

Wirklich abstrus wurde es dem Bericht zufolge, als es ums Geld ging. Die EU plant, London für bereits eingegangene Verpflichtungen einen zweistelligen Milliardenbetrag in Rechnung zu stellen. Die Rede ist von 60 bis 65 Milliarden Euro. Doch May soll Juncker bei dem Treffen erklärt haben, ihr Land schulde der EU nicht einen Penny. Schließlich stehe in den Verträgen nichts von einem Betrag, der bei einem Austritt fällig werde. Die EU könne ihre Forderungen auch gar nicht durchsetzen, soll Davis dann eingeworfen haben, denn London werde dann nicht mehr der Oberhoheit des Europäischen Gerichtshofs unterliegen. Es bedarf keiner großen Fantasie, sich vorzustellen, wie dieser Satz angekommen ist.

Die FAS steht mit ihrem Bericht nicht alleine da. Das Nachrichtenportal Politico beschreibt das Treffen Junckers mit May ähnlich. Der "gefährliche Zustand der Verleugnung" der britischen Regierung und Mays "unrealistische Forderungen" sollen in Brüssel im Vorfeld des EU-Gipfels am Wochenende das beherrschende Thema gewesen sein, heißt es in dem Politico-Bericht. Es gibt weitere Indizien, die darauf hindeuten, dass die Berichte stimmen: Am Morgen nach dem Treffen in London erklärte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass Großbritannien als Drittstaat nicht besser gestellt sein könnte als ein Mitglied der EU. "Ich habe das Gefühl, dass sich einige in Großbritannien darüber noch Illusionen machen", sagte Merkel. Juncker soll die Kanzlerin kurz zuvor angerufen und über den Verlauf des Abendessens unterrichtet haben.

Die Berichte haben auch in Großbritannien für Aufsehen gesorgt. Und das so sehr, dass May sich dazu genötigt sah, sie so schnell wie möglich als "Brüssel-Tratsch" abzutun. Die EU-Seite habe doch nach dem Abendessen ebenfalls wissen lassen, dass die Gespräche "konstruktiv" gewesen seien.

Der überlieferte Schlagabtausch bei dem Treffen erscheint glaubwürdig. Denn May und ihre führenden Minister geben schon seit Monaten eine ähnlich klingende Erklärung nach der anderen ab. Im Sinne von: Wir können von der EU bekommen, was wir wollen und trotzdem alle unsere Forderungen durchsetzen. Die EU ist auf uns angewiesen. Und die europäische Wirtschaft (die gut am Handel mit Großbritannien verdient) wird die Politiker in ihren Ländern schon dazu zwingen, uns große Zugeständnisse zu gewähren.

Brexit-Vorkämpfer und Außenminister Boris Johnson ging dabei einmal so weit, dass er einem italienischen Minister erklärte, dass die EU London den Zugang zum Binnenmarkt schon nicht verwehren werde, da sein Land doch weiter Prosecco nach Großbritannien verkaufen wolle. Damit zog er – zu Recht – reichlich Spott auf sich. Brexit-Minister Davis behauptete noch im März, die EU ganz ohne Abkommen zu verlassen, wäre "nicht so beängstigend, wie manche Leute glauben". Damit unterstrich er das, was May in ihrer Brexit-Grundsatzrede im Januar erklärt hat: "Keinen Deal" mit der EU zu unterzeichnen sei "besser als ein schlechter Deal".