Zu den Klängen der Nationalhymne hat die chinesische Marine vorige Woche in der Hafenstadt Dalian einen mit roten Fahnen geschmückten Flugzeugträger feierlich vom Stapel gelassen. Es ist der erste, der ganz und gar im Lande gebaut worden ist – anders als die Liaoning, ein alter sowjetischer Träger, den Peking 1998 von der Ukraine erworben hatte und nach mehrjährigen Umbauten 2012 in Dienst stellte. Geplant sind offenbar vier weitere Neubauten: Ausrufezeichen aus Stahl, die den Ehrgeiz der Führung sichtbar werden lassen, China zu einer Großmacht zur See zu machen.

Dahinter steckt eine Revolution im strategischen Denken Chinas. Die Volksbefreiungsarmee (deren einst fünf Millionen Soldaten zu weiten Teilen Kohl anbauten oder Tofu herstellten und deren Umfang heute mit 2,3 Millionen Mann angegeben wird) steckt mitten in einem umfassenden Konsolidierungs-, Professionalisierungs- und Modernisierungsprozess. Unverkennbar zielt die Wehrstrukturreform auf die Stärkung der für Machtprojektion tauglichen militärischen Instrumente. Die Marine ist dabei der große Gewinner der Reform. Sie erhält den Löwenanteil des Investitionsbudgets. Doch nicht nur das: Ihr Stellenwert wird dramatisch angehoben.

Hundertzwanzig Jahre nachdem der amerikanische Admiral Alfred Thayer Mahan, der "Clausewitz der Meere", die Seemacht zur bedeutendsten geopolitischen Gestaltungskraft erklärt hatte, lässt die chinesische Staatsführung dessen Ideen weiter aufleben. Schon kurz nach seinem Amtsantritt hatte Staatspräsident Xi Jinping seine Auffassung zu Protokoll gegeben: "Die Geschichte und die Erfahrung sagen uns, dass ein Land aufsteigen wird, wenn es die Meere beherrscht, und fallen wird, wenn es sie aufgibt. Ein mächtiger Staat hat nachhaltige Rechte zur See, ein schwacher Staat hat verletzbare Seerechte."

Stützpunkte an strategischen Orten

Er setzte hinzu, die angrenzenden Meere, besonders das Südchinesische Meer, seien die Weltregionen mit den meisten Territorialstreitigkeiten, den schwierigsten Abgrenzungsproblemen und der komplexesten geopolitischen Lage. Dies erfordere eine modernisierte Marine und einen höheren Budgetanteil der See- und Luftstreitkräfte. Chinas Kriegsmarine wurde zur blue water navy aufgewertet, ihr Auftrag erweitert von der küstennahen Verteidigung zur open seas protection.

Die Weißbücher von 2013 und 2015 rückten von der herkömmlichen chinesischen Doktrin ab, wonach das Land wichtiger ist als die See: Sie wurde regelrecht auf den Kopf gestellt. Seitdem rüstet China seine Kriegsmarine auf und schafft sich Stützpunkte entlang der wichtigsten Seewege, vor allem in der Nähe der beiden strategischen Flaschenhälse, der Straße von Hormus, durch die 40 Prozent des auf Tankern transportierten Erdöls geht, und der Straße von Malakka, die 50 Prozent aller Handelsschiffe passieren müssen. Die Chinesen pachteten 2015 zudem den Hafen von Port Darwin in Australien und richteten gleichzeitig in Dschibuti einen Marinestützpunkt ein. Allein 2014 legten sie 50 Kriegsschiffe auf Kiel; ganze Flotten verlassen die Fließbänder.

Die chinesische Marine soll in dem Wirtschaftsgürtel, der von Südchina über Südasien bis nach Afrika reicht, die Seidenstraßen-Initiative Xi Jinpings flankieren; sie gibt Pekings Territorialforderungen gegenüber den Nachbarn im Südchinesischen Meer Deckung; und sie setzt dem amerikanischen Führungsanspruch den bewaffneten Ehrgeiz entgegen, im Westpazifik die Übermacht zu erlangen. Was daraus wird, bleibt abzuwarten. Briten und Japaner einigten sich vor hundert Jahren über die Stärkeverhältnisse ihrer Kriegsmarinen. Hingegen reizte der deutsche Admiral Alfred von Tirpitz die Briten mit seinem Flottenaufbau bis aufs Blut – und bis zum Krieg. Die Frage ist, welchen Modus Chinesen und Amerikaner im pazifischen Wettrüsten finden. Es kann eine Frage von Krieg oder Frieden werden.