ZEIT ONLINE: Herr Cohn-Bendit, Sie telefonieren häufig mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Worüber reden Sie?

Cohn-Bendit: Über alles Mögliche, über den Wahlkampf, seine Auftritte, über Fußball. Meist führen wir inhaltliche Diskussionen. Ein Beispiel: Er spricht oft von seinem Projekt zur Liberalisierung des Arbeitsmarktes. Ich sage dann: Das kannst du nur machen, wenn du es mit zusätzlichen Sicherheiten für die Arbeitnehmer verbindest.

ZEIT ONLINE: Stimmt es, was man von ihm sagt: Er nimmt Ratschläge seiner Vertrauten sehr ernst?

Cohn-Bendit: Ja. Man kann das sogar auf Film sehen. Ein Filmemacher hat ihn während seines Wahlkampfes begleitet, der Dokumentarfilm kam vor Kurzem ins Fernsehen. In einer Szene diskutiere ich mit Macron über die 35-Stunden-Woche und seine Rentenpläne. Ich sage, eine Verlängerung der Arbeitsjahre im Alter ist nur möglich, wenn man gleichzeitig auch die Wochenarbeitszeit reduziert. Sonst macht das keinen Sinn, weder für den Menschen, noch ökonomisch. Macron holt einen Zettel raus, schreibt sich das auf. Ein paar Tage später hat er das bei einem Auftritt so wiederholt. Und in sein Programm übernommen. Er nimmt sich alle Vorschläge, die er glaubt, gebrauchen zu können.

ZEIT ONLINE: Sie gehören ja zu Macrons früheren Unterstützern.

Cohn-Bendit: Naja, wir haben uns Juni 2016 kennengelernt, in einer Veranstaltung zu Europa in der Hochschule Science Po in Paris. Wir haben uns über unsere Sympathie für Europa verbunden. Organisiert wurde die Veranstaltung übrigens von Sylvie Goulard.

ZEIT ONLINE: Heute ist sie Verteidigungsministerin. Und andere frühe Verbündete, wie Gérard Collomb, Bruno Le Maire und François Bayrou sind jetzt in Macrons Kabinett. Und Sie? Kein Interesse oder nicht gefragt worden?

Cohn-Bendit: Nicht gefragt, weil er weiß, dass ich nicht will. Ich habe meine politische Karriere hinter mir. Ich kommentiere, das macht mir Spaß. Ich finde es außerdem spannend, mich mit Macron auszutauschen. Wenn ich dabei etwas Inhaltliches beitragen kann, gut so. Wenn nicht, auch in Ordnung.

Nichts in diesem Kabinett ist Zufall.

ZEIT ONLINE: Den neuen Umweltminister Nicolas Hulot kennen Sie aus den Vorwahlen der französischen Grünen 2011.

Cohn-Bendit: Ich habe ihn damals auch unterstützt. Er ist eine hervorragende Wahl. Er formuliert unheimlich klar und vermittelt pädagogisch. Er hat schon oft Angebote bekommen, einer Regierung beizutreten, immer sagte er ab. Nun hat er offenbar ein Angebot bekommen, das er nicht ablehnen konnte.

ZEIT ONLINE: Das restliche Kabinett wirkt wie eine Sammlung von deutsch-französischen Wunschkandidaten. Wirtschaftsminister Bruno Le Maire hat ein Bundesverdienstkreuz für seine deutsch-französischen Anstrengungen bekommen, Sylvie Goulard gleich zwei. Zufall?

Cohn-Bendit: Nichts in diesem Kabinett ist Zufall. Le Maire ist Wirtschaftsminister, Goulard ist Verteidigungsministerin mit europäischer Karriere, beide sprechen deutsch. Der Premierminister Edouard Philippe ebenfalls, seine Eltern waren Lehrer in Bonn. Der diplomatische Berater im Élysée, Philippe Etienne, ist ehemaliger Botschafter in Berlin.

ZEIT ONLINE: Sie sagten einmal: "Frau Merkel, Herr Schäuble, Sie werden aus Franzosen keine Deutschen machen." Klingt danach.

Cohn-Bendit: Die Aussage war an Wolfgang Schäuble gerichtet. Er wird auch aus Griechen keine Deutschen machen. Das kulturelle Selbstverständnis der Deutschen, Haushalt und Disziplin, lässt sich nicht eins zu eins auf andere Länder übertragen. Man kann nicht in Berlin sitzen und rufen, schaut, hier läuft es doch und allen anderen die Schuld geben. Die Enttäuschung vieler Wähler über Europa hat viel mit der Politik in Europa zu tun.