Ein wenig tragisch ist es schon, dass sich ausgerechnet unter Angela Merkel die deutsch-amerikanischen Beziehungen verdüstern. Als sie noch in der DDR lebte, sehnte sie sich danach, eines Tages Kalifornien sehen zu dürfen. Sie rechnete damit, erst im Ruhestand diese Reise antreten zu können. Amerika war für sie die Verheißung von Freiheit. Nun sagt die Bundeskanzlerin Merkel: Auf die Vereinigten Staaten können wir uns nicht mehr "völlig verlassen".

Wie ein Tsunami rasten ihre Worte über den Atlantischen Ozean. Aber haben die Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten mit den Rüpeleien und dem Unverstand Donald Trumps tatsächlich ihren Tiefpunkt erreicht, wie nun überall zu lesen und zu hören ist? Macht sich, wie Außenminister Sigmar Gabriel sagt, "mitschuldig", wer Trumps Politik nicht entgegentritt?

Zwischen amerikanischen Präsidenten und deutschen Kanzlern hat es immer wieder Spannungen und Zerwürfnisse gegeben – in der Sache nicht weniger gravierend und im Ton oft noch schärfer. Mindestens viermal hat es in der Vergangenheit zwischen Washington und Bonn/Berlin richtig gekracht.

Das begann schon zu Zeiten des gemütlichen Wirtschaftswunder-Kanzlers Ludwig Erhard. 1965 verlangte US-Präsident Lyndon B. Johnson bei einem Treffen im Weißen Haus mit Erhard, dass die Bundesrepublik sich gefälligst mit Bundeswehrsoldaten am Vietnamkrieg beteiligen soll – sonst müsse er leider die Zahl der in Deutschland stationierten GIs deutlich verringern. Erhard war entsetzt und sann über eine Alternative nach. Am Ende schickten die Deutschen das Hospitalschiff Helgoland nach Saigon.

Geradezu legendär war das Misstrauen, das Richard Nixon der Ostpolitik Willy Brandts entgegenbrachte. Was heckten der Kanzler und sein undurchsichtiger Berater Egon Bahr da mit den Russen und den Ostdeutschen aus? Waren sie nicht selbst verkappte Kommunisten? Da Nixon seine Gespräche im Weißen Haus auf Tonband aufzeichnen ließ, ist auch dieser Dialog mit seinem Sicherheitsberater Henry Kissinger überliefert: "Guter Gott, wenn das Deutschlands Hoffnung ist, dann hat Deutschland nicht viel Hoffnung", sagt der Präsident in der Aufzeichnung. "Dieser Bursche ist wirklich ein bisschen dumm." Darauf Kissinger: "Dumm und faul ... Und er trinkt."

Eisig war das Klima zwischen Jimmy Carter und Helmut Schmidt, die sich nicht ausstehen konnten. Schmidt hielt den Amerikaner für einen ahnungslosen Idealisten, Carter ertrug hingegen Schmidts Arroganz und Besserwisserei nicht. Zum giftigsten Streit zwischen den beiden kam es, als es um die Neutronenbombe ging. Carter wollte sie unbedingt bauen. Als sich Schmidt gegen alle eigenen Zweifel und heftigen Widerstand in seiner Partei hinter Carters Pläne stellte, verschob der US-Präsident die Produktion abrupt. Schmidt war außer sich. Der Kanzler, schreibt seine Biografin Kristina Spohr, "hegte nicht den geringsten Zweifel, dass die Schuld für diesen ganzen kläglichen Scherbenhaufen bei Carter selbst lag, und das war auch die allgemeine Ansicht innerhalb der Bonner Regierungskoalition: Wieder einmal hatte der Erdnussfarmer aus Georgia seine Unzuverlässigkeit und Unberechenbarkeit als Politiker unter Beweis gestellt."

Angela Merkel - Europa muss sein Schicksal in die eigene Hand nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Europäer zu stärkerer Eigenständigkeit aufgerufen. Sie reagierte damit auf den Konflikt mit den USA auf dem jüngsten G7-Gipfeltreffen. © Foto: Michaela Rehle/Reuters

Um angeblichen Verrat ging es zwischen George W. Bush und Gerhard Schröder. Der Bundeskanzler soll Bush vor Beginn des Irak-Krieges versichert haben: "Wenn Sie es schnell und entschieden erledigen, dann bin ich mit Ihnen." So steht es zumindest in Bushs Memoiren. Schröder bestreitet entschieden, diesen Satz gesagt zu haben. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Goslar sagte er jedenfalls das Gegenteil: "Unter meiner Führung wird sich Deutschland an einer militärischen Intervention im Irak nicht beteiligen."

Damals, 2003, gingen die Beziehungen zwischen dem Weißen Haus und dem Bundeskanzleramt regelrecht in die Brüche – und wurden dann aber wieder gekittet. Alles spricht dafür, dass dies wieder gelingen wird, schlicht weil die Interessen beider Staaten es verlangen.

Und voi­là: Schon am Tag nach ihrer Frust-Rede im Truderinger Bierzelt ließ Angela Merkel ihren Sprecher sagen: "Hier hat eine zutiefst überzeugte Transatlantikerin gesprochen." Was man dann ja auch gesehen hat, als die Kanzlerin beim Kirchentag beseligt neben Barack Obama auf der großen Bühne am Brandenburger Tor saß.

Die Wahrheit ist schlicht: Deutschland braucht nicht eine Alternative zu Amerika, Amerika braucht eine Alternative zu Trump. Die wird es spätestens bei der nächsten Präsidentschaftswahl geben, falls Trump – durch und durch unfähig zu regieren – so lange durchhält.

Erdnussfarmer! Schauspieler! Verräter! Trinker! Die Invektiven, mit denen frühere Bewohner von Weißem Haus und Bundeskanzleramt einander bedachten, kämen Angela Merkel kaum in den Sinn, geschweige denn über die Lippen. Sie wird Trump beim G20-Gipfel in Hamburg mit einem Lächeln empfangen. Weil es die Staatsräson so gebietet. Und weil sie ihren Glauben an Amerika noch lange nicht verloren hat.