Es ist schon reichlich abgebrüht, wenn ein republikanischer US-Senator in diesen Tagen keine anderen Sorgen hat: Mitch McConnell, der die Mehrheit im Senat anführt, wünscht sich "etwas weniger Drama aus dem Weißen Haus" – das lenke doch nur ab von der republikanischen Agenda der Steuersenkungen, Deregulierung und Neuregelung der Krankenversicherung.

Das war vor den Enthüllungen, dass Donald Trump den inzwischen entlassenen FBI-Direktor James Comey unter Druck gesetzt habe, er solle die Ermittlungen gegen seinen damals gerade zurückgetretenen Berater Michael Flynn wegen dessen umstrittener Russlandkontakte einstellen. Es war McConnells direkte Reaktion auf die Berichte, der Präsident habe bei einem Treffen mit dem russischen Außenminister höchst sensible Geheimdienstinformationen weitergegeben. Nur damit klar ist, von welchem Drama die Rede ist. Man verliert ja schnell den Überblick, wenn die Skandale in dieser Schlagzahl ans Licht kommen.

Für die republikanischen Abgeordneten sind die neuen Wendungen einmal mehr ein brutaler Test ihrer Loyalität: Wie lange noch, die Frage kommt mittlerweile auch schon aus den eigenen Reihen, wollen sie noch hinter Trump stehen? Senator John McCain kennt das Drehbuch: "Wir haben diesen Film schon einmal gesehen. Das nimmt die Größe und das Ausmaß von Watergate an", sagte er über die Vorwürfe, der Präsident könne vorsätzlich die Arbeit der Justiz behindert haben.

Viele seiner Parteifreunde wollen am liebsten gar nichts darüber sagen, manche laufen den Reportern in Washington und ihren Fragen einfach kommentarlos davon. Beim äußerst Trump-freundlichen Sender Fox News hatten sie ein Problem: Unmittelbar nach dem Comey-Bericht fand sich kein einziger Republikaner, der den Präsidenten verteidigen wollte. Der Sender CBS versuchte es bei 20 Republikanern, um sie in die Frühsendung am Mittwoch einzuladen, und handelte sich nur Absagen ein. Beim politischen Gegner, den Demokraten, hatte schon die Entlassung Comeys massenweise Vergleiche mit dem Gebaren Richard Nixons Anfang der Siebziger provoziert: Die Watergate-Affäre führte zum Amtsenthebungsverfahren, dem Nixon letztlich mit seinem Rücktritt zuvorkam.

"Wir müssen alle Fakten haben"

Nach dem, was jetzt über Trumps Treffen mit Comey berichtet wird, muss man in Washington erst recht nicht lange suchen, um jemanden zu finden, der das Wort impeachment ausspricht: und nicht mehr nur als Spekulation oder irrationale Hoffnung, die von der abgrundtiefen Abneigung gegen diesen Präsidenten und sein Handeln gespeist wird.

So langwierig ein solches Amtsenthebungsverfahren inklusive entsprechender Ermittlungen auch wäre: Die berichteten Verstöße liefern mehr als genug Argumente, auf die es gebaut werden könnte – wenn sich die Vorwürfe erhärten lassen. Trumps Gegner sehen das in der Tat schon lange so, die Liste der Demokraten, die offen darüber sprechen, ist lang und wächst. Dagegen tun sich die Republikaner schwer, auch nur die Forderung nach einem unabhängigen Sonderermittler zum Russland-Komplex zu unterstützen, manche sprechen sich immerhin für einen Untersuchungsausschuss aus. Trotzdem: Auch bei den Republikanern ist das impeachment Gesprächsthema Nummer eins.

Wenn sie sich denn öffentlich äußern, sind viele Republikaner durchaus tief besorgt über die jüngsten Entwicklungen rund um das Weiße Haus. Sie wollen vor allem direkt erfahren, was es zu wissen gibt, und nicht aus den Medien. "Wir müssen alle Fakten haben", sagt Paul Ryan, Sprecher des Repräsentantenhauses. Jason Chaffetz, der den Aufsichtsausschuss im Repräsentantenhaus führt, der die Regierung kontrollieren soll, fordert sämtliche Dokumente und Aufzeichnungen, die es zur Kommunikation zwischen Trump und Comey gibt. Der Ex-FBI-Chef könnte auch persönlich aussagen. Die Dementis aus dem Weißen Haus oder das Angebot der Russen, ihre Notizen zu dem Treffen im Oval Office zur Verfügung zu stellen, reicht jedenfalls niemandem. Das alles verschafft den Republikanern auch noch etwas Zeit, ihren Umgang mit Trump zu überdenken.

Trumps Basis hält

Die Angst davor, sich von Trump zu lösen, hat bei den Republikanern durchaus etwas mit der von McConnell erwähnten Agenda zu tun. Schon jetzt helfen die nicht enden wollenden Skandal-Schlagzeilen nicht gerade dabei, die Arbeit etwa an der Gesundheitspolitik oder der für Herbst angekündigten umfassenden Steuerreform und anderen konservativen Projekten voranzutreiben – die Republikaner wollen aus ihrer Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses ja auch etwas machen. Eine weitere, tiefergehende Russland-Ermittlung außerhalb ihrer Kontrolle oder gar der Beginn eines impeachment könnten ihre großen Ziele weitgehend begraben. Bis zur Zwischenwahl im kommenden Jahr bleibt ohnehin nicht mehr viel Zeit.

Dass sich viele republikanische Abgeordnete 2018 der Wahl stellen müssen, erklärt zu großen Teilen auch die Indifferenz gegenüber Trump: Dessen Beliebtheit sehen Umfragen zwar historisch niedrig im Vergleich mit anderen Präsidenten, seine Unterstützung an der Basis der Republikaner ist jedoch weiterhin enorm. Oder noch direkter: Trump ist bei den republikanischen Wählern beliebter als die Republikaner als Partei. Der Anreiz, sich gegen den Präsidenten zu stellen, ist nicht besonders groß, wenn damit die Gefahr verbunden ist, individuell seinen Sitz und kollektiv die Mehrheit im Kongress zu verlieren.

Vor einem Strafgericht wären die Vorwürfe gegen Trump sicher ungleich schwerer als kriminelle Justizbehinderung zu beweisen. Doch das Amtsenthebungsverfahren im Kongress liefert weit mehr Spielraum: Solange eine Mehrheit im Repräsentantenhaus und zwei Drittel des Senats am Ende zustimmen, dass die Handlungen des Präsidenten das sind, was die Verfassung als "Landesverrat, Korruption oder andere schwere Verbrechen und Fehlverhalten" nur vage als Voraussetzung bestimmt, ist die Sache entschieden. Es bleibt also ein politischer Prozess, der allerdings nicht einmal erfordert, dass die Republikaner als Ganzes von Trump abfallen: Eine kritische Masse reicht. Viele Abgeordnete werden in diesen Tagen viel darüber nachdenken, jeder für sich.