Als sie mit ihrem Mann und ihren kleinen Kindern gerade die Babypiste auf Skiern runterrutschte, erhielt Caroline Reverso-Meinietti den Anruf aus Paris: Sie sollte zu Emmanuel Macron in eine Fernsehsendung kommen und als eine der ersten Kandidatinnen seiner Partei auftreten. "Als das Bewerbungsverfahren im Januar eröffnet wurde, habe ich sofort meinen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben geschickt", erzählt die Anwältin aus dem südfranzösischen Nizza. Innerhalb weniger Wochen stieg sie von einer interessierten Bürgerin zu einer potenziellen Abgeordneten in der Pariser Nationalversammlung auf.  

Inzwischen wurde Macron zum Präsidenten gewählt und hat am Donnerstagnachmittag den Großteil seiner  Kandidatinnen und Kandidaten vorgestellt. Denn nach dem Staatschef wählt das Nachbarland am 11. und 18. Juni seine Abgeordneten und entscheidet darüber, ob Macron durchregieren kann oder mit anderen Parteien koalieren muss. "Unser Ziel ist, die absolute Mehrheit bei den Parlamentswahlen zu erreichen", sagte der Generalsekretär von Macrons Partei En Marche!, Richard Ferrand, der die noch unvollständige Liste vorstellte: 

Eine sozialistisch-republikanische Mischung

"Unsere Kandidaten bedeuten die Rückkehr von Bürgern in die Politik", sagt Ferrand. "Es war eine Herkulesaufgabe." Mehr als die Hälfte der Auserwählten hat noch nie ein politisches Amt ausgeführt, und die Hälfte ist weiblich. "Sie kommen aus allen politischen Lagern", sagte Ferrand. Allerdings hat das Macron-Team ein Problem, um weiterhin als überparteilich zu gelten: Alle Kandidaten, die schon zuvor Abgeordnete waren, kommen von den Sozialisten. Auch deshalb sind noch knapp 150 Plätze bis zum kommenden Mittwoch freigehalten worden, um sie für Republikaner offen zu halten. 

Die Liste der Kandidaten ist für Macron und seine Partei En Marche! ein hochsensibles Thema: Mehrfach wurde ihre Veröffentlichung verschoben und schließlich wurden entgegen der ersten Ankündigungen doch nicht alle Plätze schon besetzt. Der mit 39 Jahren jüngste Präsident Frankreichs hat auch mit dem Versprechen gewonnen, "Personen aus dem zivilen Leben" und aus "allen politischen Horizonten" zu rekrutieren. Seine Job-Offerte war erfolgreich: Auf jeden der potenziell zu erwerbenden 577 Posten in der Nationalversammlung hatten sich 34 Personen beworben – je klarer Macrons Sieg abzusehen war, umso mehr Menschen bewarben sich.

Sehr viele haben nie zuvor Politik gemacht

Das Gleichgewicht aus erfahrenen Politikern und neuen Parlamentariern wird über Macrons Erfolg entscheiden. Während die konservativen Republikaner die "Internet-Kandidaten" kritisieren, findet Caroline Reverso-Meinietti das Verfahren volksnah. Und geschenkt worden sei ihr die Kandidatur sicherlich nicht. Mehrfach sei sie interviewt worden. "Wir sprachen darüber, wie ich meinen Wahlkreis sehe, welche Verantwortung ich als Abgeordnete trage, über meinen Mann und meine beiden Kinder. Es waren angenehme Gespräche, aber ich wurde durchgecheckt", sagt die Frau in Streifenbluse und Blazer. Mehr als die Hälfte der Kandidatinnen und Kandidaten, die im Juni für einen Einzug ins französische Parlament kämpfen werden, hat wie Reverso-Meinietti noch nie in ihrem Leben zuvor Politik gemacht.

Macron war unter seinem sozialistischen Amtsvorgänger Francois Hollande Wirtschaftsminister und hat seitdem versucht, das Etikett dieser Partei abzulegen. Trotzdem waren es Sozialisten, die als erste zu ihm überliefen, in dieser Woche hat sich sogar der sozialistische Ex-Premier Manuel Valls angeboten, unter dem Banner von En Marche! in seinem Wahlkreis zu kandidieren. Ein heikler Sonderfall: Valls wollte kandidieren – hatte aber schon mehr als drei Legislaturperioden hinter sich und erfüllte deshalb nicht die Kriterien von En Marche!. In seinem Wahlbezirk soll ihm aber kein Konkurrent von Macron gegenübergestellt werden – die Partei wolle nicht einen ehemaligen Premierminister "vor den Kopf stoßen".