Der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron hat angekündigt, dass es zum Austritt Frankreichs aus der Europäischen Union (EU) kommen könnte, sollte sich diese nicht reformieren. Das sagte Macron dem britischen Sender BBC in einem Interview.

"Ich bin ein Proeuropäer, der während seiner Kampagne die europäische Idee und Politik immer wieder verteidigt hat, weil ich glaube, dass sie sehr wichtig für die französische Bevölkerung und für unser Land in Zeiten der Globalisierung sind", sagte Macron.

Gleichwohl müsse man aber den Menschen zuhören und feststellen, dass sie heute extrem "wütend" und "ungeduldig" seien. Die Europäische Union sei dysfunktional und nicht mehr zukunftsfähig. "Deswegen wird es im Falle eines Wahlerfolgs mein Mandat auch sein, die Europäische Union und das Europäische Projekt tiefgreifend zu reformieren", sagte Macron.

Macron fügte hinzu, dass es einem "Betrug" gleichkäme, wenn er die EU weiterhin so funktionieren lassen würde wie bisher. Das wolle er auch nicht, schließlich würde das einen "Frexit" oder das Wiedererstarken des Front National bedeuten.

Wählerwanderung zu Gunsten Macrons

Macrons Vorstoß kommt nur wenige Tage, nachdem seine Rivalin, die rechtsextreme Marine Le Pen, sich von einem ihrer zentralen Wahlversprechen, dem Ausstieg aus dem Euro und der Abkehr von der Gemeinschaft der Europäischen Union, verabschiedet hatte. Am Samstag sagte Le Pen, dass sie wenn überhaupt einen "weichen Ausstieg" favorisieren würde und zunächst mehrere Monate lang Gespräche "mit unseren europäischen Partnern" führen wolle.

Im ersten Wahlgang konnte Emmanuel Macron 24,01 Prozent der Stimmen auf sich vereinen, Marine Le Pen als Zweite 21,3. Umfragen sagen voraus, dass sich Macron in der zweiten Wahl durchsetzen wird.

Einer aktuellen Umfrage der Groupe BVA zufolge bevorzugen Wähler, die in der ersten Runde für einen der ausgeschiedenen Kandidaten gestimmt hatten, Macron gegenüber Le Pen. Wähler des Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon, des Sozialisten Benoît Hamon und des Republikaners François Fillon entscheiden sich demnach eher für Macron als für Le Pen.

Lediglich diejenigen, die in der ersten Runde für den Nationalisten Nicolas Dupont-Aignan gestimmt hatten, präferieren Le Pen. Le Pen hatte sich am Samstag mit  Dupont-Aignan verbündet und angekündigt, ihn im Falle eines Wahlsieges zum Premierminister zu machen.

Eine Woche vor der Stichwahl um die französische Präsidentschaft sind viele Franzosen überdies skeptisch, ob einer der beiden Kandidaten die hohe Arbeitslosigkeit in den Griff bekommen und die Sicherheit im Land erhöhen kann. Eine am Sonntag veröffentlichte Umfrage des Instituts Ifop im Auftrag des Journal du Dimanche zeigt, dass 45 Prozent der Wähler weder Macron noch Le Pen die richtige Idee gegen die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit zutrauen. 36 Prozent sind außerdem davon überzeugt, dass keiner der Kandidaten die Franzosen vor weiteren Anschlägen schützen könne.

Frankreich kämpft seit Jahren mit einer Arbeitslosenquote nahe zehn Prozent. Mit 3,5 Millionen Menschen ohne festen Job stieg die Arbeitslosigkeit im März auf den höchsten Stand seit zehn Monaten. Nach einer Reihe von Anschlägen herrscht in Frankreich der Ausnahmezustand. Seit Anfang 2015 wurden mehr als 230 Menschen bei Attentaten getötet, zuletzt ein Polizist vor der ersten Wahlrunde in Paris.

Die derzeitigen Umfragen sagen Macron einen Wahlsieg mit 59 bis 60 Prozent der Stimmen voraus. Le Pen hat allerdings in der vergangenen Woche etwa fünf Prozentpunkte aufgeholt.