Kurz vor der Präsidentenwahl in Frankreich am Sonntag sind große Mengen an vertraulichen Dokumenten aus dem Wahlkampfteam des parteiunabhängigen Kandidaten Emmanuel Macron im Internet veröffentlicht worden. Vertreter von Macrons En-Marche!-Bewegung teilten mit, das Wahlkampfteam sei Opfer eines "massiven, koordinierten Hackerangriffs". Ziel der Attacke sei es, Macron zu diskreditieren. Neben gestohlenen, echten Dokumente seien auch Falschinformationen online gestellt worden.

Rund neun Gigabyte an Daten waren nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters am Freitagabend von einem Nutzer mit dem Namen EMLEAKS auf der Plattform Pastebin veröffentlicht worden. Mehrere Medien berichten, dass es sich bei den Dokumenten um E-Mails, Verträge und andere interne Schreiben handeln soll. Die Dateien seien vor einigen Wochen bei Attacken auf E-Mail-Konten mehrerer Parteifunktionäre erbeutet worden, erklärte En Marche!. Die Veröffentlichung sei eine Aktion zur "demokratischen Destabilisierung, wie man es schon beim jüngsten Präsidentschaftswahlkampf in den USA gesehen hat".

Die Nationale Wahlkommission (CNCCEP) warnte französische Medien davor, die Inhalte der Dokumente zu veröffentlichen. Ein Teil der veröffentlichten Dateien bestehe wahrscheinlich aus Fälschungen. Die Verbreitung falscher Nachrichten könne strafrechtlich geahndet werden, teilte CNCCEP mit, die für eine einwandfreie Durchführung der Präsidentschaftswahl verantwortlich ist.

Le Pen sieht sich bereits als Siegerin

Bereits in der Vergangenheit sei En Marche! nach eigenen Angaben Ziel von Hackerangriffen gewesen. Vor wenigen Tagen hatten Experten einen russischen Angriff gemeldet, der auf das Konto von Pawn Storm gehen soll. Die Gruppe soll auch für frühere Angriffe auf die US-Demokratin Hillary Clinton und die CDU von Bundeskanzlerin Angela Merkel verantwortlich sein. Pawn Storm wird verdächtigt, Verbindungen zu russischen Geheimdiensten zu unterhalten.

Der wirtschaftsliberale Macron geht am Sonntag als Favorit in die Stichwahl gegen die rechtsextreme Marine Le Pen. Laut den letzten Umfragen vom Freitag kann er mit rund 62 Prozent der Stimmen rechnen, Le Pen mit rund 38 Prozent. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP sagte Le Pen kurz vor Wahlkampfende mit Blick auf ihre Umfragewerte, es könnte am Sonntag noch eine Überraschung geben. Aber auch unabhängig vom Wahlausgang sieht sich Le Pen als Gewinnerin: "Selbst wenn wir unser Ziel nicht erreichen, gibt es in jedem Fall eine gigantische politische Kraft, die geboren wird." Am Samstag dürfen Macron und Le Pen nicht mehr für sich werben.

Stichwahl in Frankreich - Macron wählen, um Le Pen zu verhindern? Die Stichwahl in Frankreich stellt viele Gegner des Front National vor ein Dilemma: Sollen sie strategisch wählen, auch wenn sie Macron eigentlich ablehnen? © Foto: Zeit Online