So sieht's also aus: Der neue Präsident Frankreichs ist weder links noch rechts, noch keine 40, ohne Partei im Rücken und verdammt EU-begeistert. Wann gab's das zuletzt?  
Noch nie.

Ist das gut? Ja, aber hallo!

Emmanuel Macron ist der jüngste Anführer der Franzosen seit Napoleon. Der Vergleich ist natürlich überzogen. Wer in einem Atemzug mit Frankreichs bekanntestem Kaiser und Kriegsherren genannt wird, kann nur verlieren. Napoleon eroberte und regierte wie kein Zweiter im 18. Jahrhundert. Macron ist bisher nur ein Nebensatz in der Geschichte.

Das Land, das er führen wird, ist ein reformbedürftiges und ein gespaltenes. Mehr als zehn Millionen Franzosen haben für Le Pen gestimmt. Macron hat noch nicht mal eine Mehrheit im Parlament. Und im Prinzip ist noch gar nichts passiert, bis auf einen niveaulosen, dreckigen, Fake-News-belasteten und am Ende ermüdenden Wahlkampf – gemessen daran, war die Wahlbeteiligung hoch.

Macron lässt auf Größeres hoffen

Macron steht also erst am Anfang. Aber was dieser 39-Jährige sich allein bis hierhin getraut hat, lässt mit einiger Berechtigung auf Größeres hoffen. Zur Erinnerung: Ende 2015, als der Ausnahmezustand in Frankreich erklärt wurde, da war der Ausnahmepolitiker Macron noch ein Unbekannter auf internationaler Bühne.

Wahl in Frankreich - "Ich werde Europa verteidigen" Frankreichs künftiger Staatspräsident Emmanuel Macron hat sich in seiner ersten Ansprache nach seinem Wahlsieg, sowohl für Europa als auch für die Einheit der Nation ausgesprochen. © Foto: AFP-TV

Ein gutes Jahr hat er nur gebraucht, um fast aus dem Nichts startend eine Bewegung zu formen und mit ihr zum mächtigsten Mann Frankreichs und zu einer der wichtigsten Personen Europas zu werden. Parteibasis? Mitglieder? Linkes Lager? Rechtes Lager? Alles von gestern. Macron, der Progressive, hat die Krise des politischen Establishments genutzt, mit einem Lächeln den Scherbenhaufen der Sozialistischen Partei umkurvt, immer einen liberalen proeuropäischen Kurs vertreten und so im Eilverfahren François Hollande beerbt. Willkommen im Europa der schnellen Geschwindigkeit.

Europapolitisch ist Macron eine Ausnahmeerscheinung und die personifizierte Hoffnung auf eine baldige Reparatur der EU. Um das Ausmaß dieser Erwartung zu erahnen, muss man zurückschauen bis zum Geburtsfehler der EU, den Römischen Verträgen von 1957, dann noch vier Jahre weiter zurück. 1953, kaum ein Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg, hatten sich Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Italien, Westdeutschland und eigentlich auch Frankreich auf eine enge Föderation geeinigt. Eine EU-Verfassung lag auf dem Tisch: eine gemeinsame Armee, eine gemeinsame demokratische Regierung. Damals hätte die EU so starten können, wie es ihrer Idee entsprach – wenn Frankreich nicht blockiert hätte.

Die Europäisierung der nationalen Politiken

Ein historischer Fehler in der EU-Geschichte war das französische "Non!" zur echten Union vor mehr als sechzig Jahren. Die Abgeordneten der Nationalversammlung stimmten dagegen, nachdem ihr Präsident nur wenig überzeugend für die EU geworben hatte. Macron schickt sich nun an, diesen Fehler zu beheben. Er will die Eurozone weiter integrieren, neben der gemeinsamen Geldpolitik auch eine gemeinsame Wirtschaftspolitik schaffen. Ein europäischer Finanzminister ist nach diesem Wahltag wahrscheinlicher, eine Stärkung des europäischen Parlaments ebenso und der Umbau der europäischen Armeen zu einer multinationalen Truppe denkbarer.

Macrons Wahl fällt zeitlich genau in einen Prozess der Europäisierung der nationalen Politiken. Selbst die Gegner der EU vernetzen sich mittlerweile auf europäischer Ebene.

Statt Frexit kommt En Marche

Warum das alles? Weil der Fortschritt uns alle dazu zwingt. Menschen leben nicht mehr ein Leben lang an einem Ort. Sie vernetzen sich, sie nutzen die Digitalisierung, sie internationalisieren sich. Die Globalisierung wird von Generation zu Generation selbstverständlicher. Sie hat die Menschheit längst in weiten Teilen erfasst. Viele hadern noch, wie damit umzugehen ist, glauben den falschen Verlockungen der Nationalisten um Le Pen, Wilders und Petry. Aber ein Zurück in die Vergangenheit gab es noch nie. Geschichte entwickelt sich immer zusammen mit dem Fortschritt. Macron hat genau das erkannt und einen neuen Politikstil daraus entwickelt.

Lange war die Diskussion um die Zukunft der EU nicht so lebendig wie in diesen Monaten. Mit Macron als Staatenlenker der französischen Republik wird diese Debatte einen neuen Taktgeber bekommen. Statt Frexit kommt En Marche.

Die EU hat bald eine erneuerte deutsch-französische Achse, die sich dem Projekt Zukunft widmen wird. Wo das hinführt, weiß heute noch niemand. Während der Fahrplan für einen Brexit in den EU-Verträgen genau beschrieben steht, steht nirgends im EU-Recht, wie die EU erneuert werden kann. Die Zeit dafür ist allerdings jetzt. Und der Mann, der dafür werben wird, ist der neue französische Präsident. Mal sehen, was Emmanuel Macron daraus macht.