Kann es sein, dass es Frankreich in ein paar Tagen wieder besser geht, mit Emmanuel Macron als neuem Präsidenten? Noch wenige Tage vor der Wahl schien das ausgeschlossen, denn alle redeten über Marine Le Pen. Ihre Aggressivität, ihre Bitterkeit, ihre gnadenlose Systemkritik dominierten das letzte Fernsehduell vor der Wahl. "Ich habe mir das eineinhalb Stunden angeschaut, länger habe ich es nicht ausgehalten", sagt der 60-jährige Marc Souvet, Leiter der Unternehmensversicherung Satec im burgundischen Industriestädtchen Sochaux.

Souvet wird Macron wählen. "Ohne Illusionen, ohne Hoffnung", sagt der erfahrene Manager im tadellosen Büroanzug. Denn die Politik, inklusive Macron, sei ihm zuwider. 30 Jahre lang arbeitete Souvet beim Automobilhersteller Peugeot, heute kümmert er sich im Namen von Satec um die Privatversicherungen von 12.000 Angestellten und Rentnern seiner alten Firma. "Unsere Leistung hier besteht darin, dass wir den Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen ohne Revolution durchgeführt haben. Das hätte auch schiefgehen können", sagt Souvet.

Auch die Wahl kann noch schiefgehen. "Ich gehe nicht zur Wahl, das würde doch nichts ändern", sagt der 24-jährige Fabrikarbeiter Steeve Duclos zum Schichtbeginn am Mittag vor dem Fabriktor von Peugeot. Er trägt noch Freizeitkleidung, die seine Tattoos zeigt. Nichtwähler wie er könnten den von allen Umfrageinstituten vorhergesagten Wahlsieg Macrons noch einmal gefährden. Duclos ist erst seit Dezember angestellt, doch nicht von Peugeot, sondern vom Logistik-Riesen Géodis, dessen Leute in der Autofabrik neuerdings mit Hand anlegen. Outsourcing nennt sich das, folglich hat Duclos nur einen Zeitvertrag. Er hat die Wahldebatte im Fernsehen nicht gesehen. Aber er weiß: "Alle reden von Le Pen. Eines Tages wird sie gewinnen."

Stichwahl in Frankreich - Entscheidet Frankreichs neuer Präsident über Europas Zukunft? Nationalistin gegen Europa-Freund: Die Franzosen haben die Wahl. Mit ihrer Stimme für Le Pen oder Macron könnten sie auch über die Zukunft Europas entscheiden. © Foto: Zeit Online

Düstere Prognosen also, sowohl vom Arbeiter Duclos wie vom Manager Souvet. Und doch zeigt gerade das Beispiel Peugeot, warum es Frankreich bald wieder besser gehen kann. 

Ierame Crolet und ihre Mann Guillame auf dem Parkplatz vor dem PSA-Werk in Sochaux

Sochaux ist in Frankreich ein Mythos, so wie Wolfsburg in Deutschland. Hier wurde vor mehr als 100 Jahren, im Jahr 1912, die erste Peugeot-Fabrik gegründet. Später galt die Gegend zwischen Vogesen und Jura als eines der am dichtesten besiedelten Industriegebiete Europas, bis sie um die letzte Jahrhundertwende zum Symbol für den industriellen Niedergang Frankreichs wurde. Der Stellenabbau, von dem Manager Souvet spricht, schien immer weiter zu gehen. Dann aber kam im vergangenen Herbst die plötzliche Kehrtwende. Seitdem stellt Peugeot in seinem Stammwerk wieder neue Leute ein.

"Wir kommen mit den Chinesen nicht klar"

Denn durch Werk, Fabrik und Firma ist in den vergangenen Jahren ein Ruck gegangen. Noch 2012 stand Peugeot kurz vor dem Bankrott. Doch fanden sich neue Aktionäre: der chinesische Autobauer Dongfeng und der französische Staat. Beide übernahmen 14 Prozent der Peugeot-Aktien. Und heuerten einen neuen Chef an: Der heute gefeierte Peugeot-Retter Carlos Tavares, ein Portugiese, kam 2014 von Renault zu Peugeot. Und ein gewisser Emmanuel Macron war als wichtigster Wirtschaftsberater im Élysée-Palast und späterer Wirtschaftsminister nicht unbeteiligt an dem Geschehen.

"Ich glaube mehr an Tavares als an die Chinesen", sagt Manager Souvet. Die Chinesen von Dongfeng, nach ihrem Aktienkauf plötzlich in der Gegend aktiv, haben nämlich mit ihrer Investmentffirma Ledus den Fußballverein von Sochaux aufgekauft. Der FC Sochaux ist der älteste professionelle Fußballclub Frankreichs, der Stolz der Region. Mit ihm wollten sich die Chinesen vor Ort beliebt machen. Das klappte natürlich nicht. "Wir kommen mit den Chinesen nicht klar", sagt Souvet. Ähnlich sieht es Arbeiter Duclos in der Fabrik: "Überall im Unternehmen sehe ich Chinesen. Keiner weiß, ob sie uns eines Tages schlucken werden", drückt er die Übernahmeängste der Belegschaft aus.

Mitarbeitereingang des PSA-Werks

Doch da sind nicht nur die Chinesen. Da sind inzwischen auch die Deutschen. Ihr Opel Zafira wird seit einigen Jahren in Sochaux gebaut. Bald aber werden noch mehr deutsche Opel-Mitarbeiter bei Peugeot auftauchen: Denn weitere Opel-Produktionen stehen in Sochaux in Aussicht, seit Peugeot in diesem Frühjahr die Aktienmehrheit bei Opel übernahm.

Manager Souvet weiß mit Opel endlich, woran er ist: "Die deutsch-französische Allianz ist etwas Unabweisliches, sie funktioniert, daran kann auch Le Pen nichts ändern", freut er sich das erste Mal während unseres Gesprächs. Auch Arbeiter Duclos findet die Übernahme Opels nicht nur schlecht: "Sie werden uns überall durch Roboter ersetzen. Aber wir sind Europäer. Wir kommen nur zusammen weiter", sagt Duclos. Er steckt sich vor dem Fabriktor eine Zigarette an und wird gesprächsseliger. "Ich bin gegen den Austritt aus dem Euro, der kostet uns Verbraucher dann genauso viel wie die Einführung des Euros", bezieht der Fabrikarbeiter gegen das Wahlprogramm Le Pens Stellung. Als hätte er plötzlich doch Interesse an der Wahl.