Der rechtsextreme Front National hat seine größte Hoffnungsträgerin verloren: Marion Maréchal-Le Pen erklärte in einem Brief an eine Zeitungsredaktion, sich aus der Politik – zumindest vorübergehend - zurückzuziehen. Um sich um ihre kleine Tochter kümmern zu können und in der Privatwirtschaft zu arbeiten, gab die Nichte von Parteichefin Marine Le Pen an. Aber zugleich ist ihr Rückzug drei nach der verlorenen Präsidentschaftswahl bedeutsam für den Richtungsstreit in der Front National.

Marion Maréchal-Le Pen trat für eine unternehmensnahe Wirtschaftspolitik und eine stramm konservative Linie in der Familienpolitik ein, mit ihr sollte es keine Ehen von Homosexuellen geben und keine staatlich finanzierten Abtreibungen. Sie hatte damit bei wertkonservativen Nationalisten Erfolg. Marine Le Pen hingegen wandte sich im Wahlkampf vor allem an Arbeiter und Arbeitslose und hielt sich aus familienpolitischen Debatten heraus. Nach der Niederlage der rechtsextremen Kandidatin gegen den neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron hatte Le Pen bereits angekündigt, ihre Partei umzubauen und einen neuen Namen zu finden.

Le Pen setzt auf Protektionismus

Der Rückzug der Nichte wird den Umbau der Partei noch beschleunigen. Le Pen konnte zwar am vergangenen Sonntag mehr Stimmen gewinnen als jemals zuvor: 10,6 Millionen Wähler stimmten für sie, 2012 waren es nur 6,4 Millionen gewesen. Aber "Marine", wie sie sich im Wahlkampf nannte, hat auch viel verloren: Noch vor wenigen Monaten lag sie in den Umfragen zehn Prozente höher. Und nach der aggressiven TV-Debatte gegen Macron fand sie die Mehrheit der Franzosen "beängstigend." Ein Rückschlag für ihren Plan, aus dem Front National eine normale Partei zu machen. Dabei war sie sogar so weit gegangen, ihren eigenen Vater und FN-Gründer aus der Partei auszuschließen, weil er aus der zweiten Reihe mit antisemitischen Sprüchen diese Strategie torpedierte. Auf einem nächsten Kongress könnte der FN nun endgültig mit der Partei des Patriarchen brechen und sich einen Namen geben. Bislang kursieren Vorschläge wie etwa "Union der Patrioten."

Aber in welche Richtung der Front National inhaltlich gehen soll, ist vollkommen unklar. Denn auch wenn die Partei nach außen stets "patriotisch einig" auftritt, wie es die Frontisten nennen, so gibt es intern doch zwei Flügel. Die einen wollen eine protektionistische Wirtschaftspolitik, wie sie Le Pen zuletzt vertreten hat: Höhere Mindestlöhne und Renten, Zölle auf ausländische Waren, Verstaatlichung von strategischen Firmen wie Stromkonzerne und hohe Steuern für Reiche. Die anderen wollen eine konservativ-liberale Politik, wie sie einst der Vater Jean-Marie Le Pen vertreten hat und bislang auch seine Nichte Marion Maréchal-Le Pen: Eine wirtschaftsnahe Politik mit niedrigeren Steuern und eine konservativ-katholische Familienpolitik. Jean-Marie Le Pen hat denn auch die Entscheidung seiner Enkelin als "Fahnenflucht" bezeichnet, viele ranghohe Parteikader bedauerten ihren Rückzug.

Auf der Suche nach neuen Mehrheiten

Auch das Thema Europa ist innerhalb des Front Nationals umstritten. Waren der EU-Austritt und die Rückkehr der nationalen Währung Francs lange Zeit unumstritten, wusste Le Pen selbst im Wahlkampf nicht mehr, ob sie nun direkt aussteigen oder ein Referendum über den Euro entscheiden lassen soll – und was sie tun würde, wenn die Franzosen sich für den Euro entscheiden würden. Symbolisiert wurde dieses links-rechte Sammelsurium mit der blauen Rose, die auf allen Marine-Flyern prangte: Die Rose der Sozialisten, eingefärbt in das Blau der Konservativen. Die historischen Flammensymbole der Partei hatte Le Pen schon vor der Wahl abgelegt.