Gulbuddin Hekmatjar ließ Raketen auf Kabul regnen und tötete Tausende Zivilisten. Mit 69 Jahren ist einer der berüchtigtsten Kriegsherrn Afghanistans wieder zurückgekehrt und hat einen Tag nach seiner Ankunft in der Hauptstadt eine politische Rede gehalten: Die radikalislamischen Taliban und seine Anhänger rief er darin zum Frieden auf.

Hekmatjar hielt die Rede im großen Gasi-Stadion, das 25.000 Menschen fasst und voll besetzt war. "Lasst uns zusammenkommen und eine Regierung formen, die den Ausländern keinen Grund mehr lässt, hier zu sein", sagte er. Anhaltspunkte für seine eigenen Zukunftspläne gab die Rede nicht. Am Donnerstag hatte Präsident Aschraf Ghani ihn bereits mit großem Zeremoniell empfangen und seine Friedensbemühungen gelobt. Politisch interessierte Afghanen fragen sich, wie sich die neue Allianz mit dem Machtpolitiker und erzkonservativen Hardliner auf die wackelige Regierung auswirken wird.

Beobachter erwarten nicht, dass Hekmatjar sich zur Ruhe setzen wird. Die Experten des Afghanistan Analysts Network beschreiben ihn in einer aktuellen Analyse als "charismatisch, absolutistisch und spaltend". In seinen Schriften verherrliche er sich gern als nationaler Anführer und religiöse Autorität. Als überzeugter Paschtune, der die Marginalisierung seiner ethnischen Gruppe beklage, könne er Spannungen zwischen den vielen Ethnien und Parteien des Landes verstärken. Möglicherweise werde er ein hohes Amt anstreben.

In den 1980er Jahren war Hekmatjar der von den USA und Saudi-Arabien bestfinanzierte Anführer der sogenannten Mudschaheddin-Kämpfer gegen die sowjetische Besatzung in Afghanistan. Dass er als islamistischer Hardliner galt, der im Verdacht stand, Widersacher und Andersdenkende wie Frauenrechtsaktivisten oder Monarchisten reihenweise ermorden zu lassen, schien seine internationalen Geldgeber nicht zu stören.

Nach dem Abzug der Sowjets, im Bürgerkrieg mit anderen Mudschaheddin um die Herrschaft in Kabul, ließ Hekmatjar die Stadt wochenlang mit Raketen beschießen. Tausende Zivilisten starben. Das brachte ihm anhaltenden Hass und die Schimpfnamen "Schlächter von Kabul" und "Rocket Jar" ein.

Später leitete Hekmatjar mit Hisb-i Islami die nach den Taliban zweitgrößte Widerstandsgruppe gegen die afghanische Regierung und internationale Truppen. Einem Reporter der Deutschen Presse-Agentur erzählte sein Sprecher 2010, Hisb-i Islami habe mehr als die Hälfte der Anschläge auf die Bundeswehr in jenen Jahren verübt.

Allmählich schwand aber Hekmatjars Einfluss im afghanischen Krieg. Der wird heute vor allem von den radikalislamischen Taliban ausgefochten. Nach mehr als sechsjährigen Verhandlungen unterzeichnete er im September 2016 ein Friedensabkommen. Für die Verbrechen der Vergangenheit wurde darin juristische Immunität vereinbart, im Februar beschloss auch der UN-Sicherheitsrat die wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen verhängten Strafmaßnahmen gegen Hekmatjar aufzuheben. Im Mai 2017 kehrte er zum ersten Mal seit rund 20 Jahren vorübergehend nach Kabul zurück.