"Wollen Sie wirklich in Erinnerung bleiben als ein Feind unserer offenen europäischen demokratischen Gesellschaft? Ist es das, was Sie wollen?" Guy Verhofstadt war kurz davor, auszurasten, als er im Europäischen Parlament Viktor Orbán diese Worte entgegenschmetterte. Als der ungarische Ministerpräsident vor kurzem Brüssel besuchte, kritisierte ihn niemand derart entschlossen wie Verhofstadt. Im Moment seiner Wutrede wurde Verhofstadts persönlicher Lebenswandel sichtbar: Vom belgischen Regierungschef, der die nationalen Interessen seines Landes verfolgte, ist er zu einem europäischen Visionär, einem Verteidiger der europäischen Werte geworden.

Neun Jahre lang führte er die belgische Regierung als Premierminister, dann wechselte er 2009 als Fraktionsführer der Liberalen ins Europäische Parlament. Dort arbeitet er seit acht Jahren für einen Umbau der EU und ist als Chefunterhändler für den Brexit zuständig. Er sei mehr Europäer als Belgier und habe keine nationalen Gefühle: "No, no no! Ich bin nur noch einem Kurs verpflichtet: Europa wieder in die Spur bringen", sagt er zu Beginn des Gesprächs in seinem Büro im Europäischen Parlament.

Warum? Weil er davon überzeugt sei, dass in einer globalisierten Welt, die mehr und mehr von großen Mächten wie den USA oder China dominiert wird, die europäische Zivilisation und Sozialisation wichtig seien. Deshalb hat Verhofstadt Europe's Last Chance geschrieben. Auf Englisch erschien das Buch vor einigen Wochen. Es liest sich wie eine Geschichte der EU, deren Weg in die Zukunft führt. Diesen Weg will der 64-Jährige jetzt beschreiben.


ZEIT ONLINE: Herr Verhofstadt, stellen Sie sich vor, Sie treffen Nigel Farage zufällig in Brüssel in der Sauna und diskutieren mit ihm über die EU. Wie überzeugen Sie einen EU-Feind wie ihn, dass diese Gemeinschaft eine Zukunft hat?

Guy Verhofstadt: Ich gehe nicht in die Sauna, bin gar nicht der Sauna-Typ. (lacht kurz) Aber es wäre wohl möglich, auch einem Farage die Vorteile eines neuen föderalen Europas zu erklären. Er und seine Anhänger sind ja glücklicherweise nicht in der Mehrheit in Europa.

ZEIT ONLINE: Auch viele Deutsche haben Angst vor einem europäischen Superstaat.

Verhofstadt: Genau das ist es eben nicht, was entsteht, wenn wir endlich den Föderalismus auf EU-Ebene wählen. Der Föderalismus Deutschlands ist ein gutes Modell, gar ein Vorbild, in dem die Regionen ihre Eigenständigkeit bewahren und die höhere Ebene auf bestimmten Politikfeldern die Kompetenzen bekommt.

ZEIT ONLINE: Das heißt?

Verhofstadt: Die Leute wollen einen Wandel. Brauchen wir mehr europäische Politik für den Kampf gegen den Terrorismus? Brauchen wir mehr europäische Politik für die Reduzierung der Arbeitslosigkeit? Wenn man das in Europa fragt, antworten 70 bis 80 Prozent der Leute mit: Ja. Das ist der Punkt. Die Mehrheit möchte nicht diese EU, aber eine effizient arbeitende EU. Wir Politiker haben die Verantwortung, diesen Willen in Taten umzusetzen. Ich bin überzeugter Europäer, aber in dem Zustand, in dem die EU jetzt ist, kann sie nicht überleben.

ZEIT ONLINE: Woran mangelt es?

Verhofstadt: Das größte Problem ist, dass die EU immer noch ein Zusammenschluss von Staaten ist, der auf Einstimmigkeit basiert. Wir haben keine wirkliche Union, obwohl alle immer von der Europäischen Union sprechen. Wir haben einen Zusammenschluss von Staaten, der quasi an Wochenenden nebenher regiert wird. Die politisch Verantwortlichen, also die Staatschefs der Mitgliedsländer, kommen gerade mal vier-, fünf-, sechsmal zusammen. Bei diesen Gipfeln entscheiden sie dann hier in Brüssel einstimmig. So kannst du keine Union führen, so kannst du keinen Kontinent regieren, der im Wettkampf mit China oder Indien oder Russland oder den USA steht.

ZEIT ONLINE: Nicht alle Entscheidungen müssen einstimmig getroffen werden. Das EU-Recht sieht Ausnahmen vor.

Verhofstadt: Selbst wenn keine Einstimmigkeit verlangt wird, versuchen die Staats- und Regierungschefs, einstimmig zu entscheiden.

ZEIT ONLINE: Was schlagen Sie vor?

Verhofstadt: Wir müssen die EU-Kommission abschaffen, um die EU zu retten. Die Kommission wird ja fälschlicherweise für so etwas wie die EU-Regierung gehalten. Mein Vorschlag: Wir brauchen eine kleine europäische Regierung, die aus 12 bis 15 Leuten besteht. Und wir müssen mit der dummen Idee brechen, dass wirklich jedes Land einen Repräsentanten in so einer Regierung haben muss. Wenn morgen Mazedonien oder Montenegro oder Serbien EU-Mitglied wird, dann müssen wir denen einen eigenen Kommissar geben? Das geht doch nicht.

ZEIT ONLINE: Die Interessen der Menschen in Mazedonien müssten doch berücksichtigt werden. Die neue EU-Regierung bräuchte Kontrollinstanzen.

Verhofstadt: Natürlich, es braucht zwei neue Gremien, die die EU-Regierung kontrollieren. Einerseits ein erweitertes EU-Parlament, das die Bürger der EU repräsentiert. Andererseits eine Art Senat, der die Mitgliedstaaten repräsentiert. Sie, aus Deutschland kommend, würden diesen Senat wohl eher als europäischen Bundesrat bezeichnen.

ZEIT ONLINE: Wer würde die Mitglieder der EU-Regierung ernennen?

Verhofstadt: Beide Kontrollkammern müssten das tun, wie in einem normalen modernen demokratischen System. Wir glauben ja zu oft: Europa ist etwas ganz Spezielles, deshalb brauchen wir einen europäischen Rat, einen Ministerrat und so weiter und so fort. Viele Institutionen, die sich nicht oft treffen, aber alles abstimmen. Das funktioniert nicht. Mit diesem System handeln wir oft zu klein und zu spät. Das beste Beispiel dafür war die Finanzkrise, deren Konsequenzen wir immer noch spüren. Die Amerikaner haben damals viel schneller und härter reagiert, ihre Banken strenger reguliert.

ZEIT ONLINE: Was Sie vorschlagen, klingt nach einem europäischen Staatenverbund, der wie die Vereinten Staaten von Amerika organisiert ist.