Sie sind allesamt Männer des Systems, Vertreter der Islamischen Republik, eines  autoritären Staates. Keiner von ihnen stellt sich gegen das letzte Wort des geistlichen und politischen Oberhaupts Ajatollah Ali Chamenei. Und dennoch, die Kandidaten der Präsidentenwahl im Iran am Freitag, die dem Volk einen Anflug von Demokratie vermittelt, sind in ihrer jeweiligen Politikgestaltung sehr unterschiedlich.

Sechs Herren waren nach der Kandidatenauswahl durch den einflussreichen Wächterrat übrig geblieben. Insgesamt 1.636 Kandidaten hatten sich im Innenministerium für die Wahl zum Präsidenten registriert, darunter 137 Frauen.

Wer sind die wichtigen Präsidentschaftskandidaten? Ebrahim Raisi ist der Leiter des bedeutenden Imam-Reza-Heiligtums in Maschad und gleichzeitig wichtigster Konkurrent von Kandidat Hassan Ruhani, dem Amtsinhaber. Hinzu kommen Eshagh Dschahangiri, Erster Vizepräsident Ruhanis, und der bis vor Kurzem noch Teheraner Bürgermeister Mohammad Bagher Ghalibaf. Der Reformpolitiker Mostafa Hashemi-Taba sowie Mostafa Mir-Salim aus der Politfraktion der sogenannten Prinzipientreuen sind zwar beide altgediente ehemalige Minister, jedoch weitgehend unbekannt. Ihre Teilnahme wird keine große politische Dynamik auslösen.

Ruhani-Vize Eshagh Dschahangiri wird am Freitag nicht gegen seinen Chef antreten, vielmehr wirbt er im Wahlkampf für die Regierungsarbeit und somit für Ruhanis Wiederwahl. Trotz entgegengesetzter Aussagen war sein Ziel, die Kandidatur noch zurückzuziehen – was er am Dienstag im großen Stil in der Stadt Schiras im Rahmen einer Wahlveranstaltung auch ankündigte.

Der eigentliche Herausforderer Ruhanis ist daher Raisi, der im Wahlkampf mit dem Teheraner Bürgermeister Ghalibaf ebenfalls einen Präsidentschaftskandidaten als Mitstreiter hatte. 

Ghalibaf und Raisi legten im Wahlkampf eine clevere Arbeitsteilung an den Tag. Ghalibaf attackierte Ruhani scharf. In Anlehnung an Occupy Wall Street warf er ihm vor, nur an die oberen vier Prozent der iranischen Bevölkerung zu denken, während die restlichen 96 Prozent unter sozialer Ungerechtigkeit litten. Ghalibaf suggerierte, Ruhani sei ein Vertreter der Eliten, nicht des Volkes.

Raisi hingegen hält sich in den Debatten zurück und vermittelt den Eindruck, über politischen Streitigkeiten zu stehen. Kritik an Ruhani äußert er auch lautstark, aber stets im Stile eines weisen Geistlichen, der die Sorgen der Menschen versteht und sich ihrer wirtschaftlichen Nöte annehmen möchte. Am Montag vor der Wahl hat Ghalibaf, der 2016 im Zentrum eines Korruptionsskandals gestanden hatte, seine Kandidatur zurückgezogen. Seine potenziellen Wähler könnten Ghalibafs Aufforderung folgen und Raisi wählen.

Die Schwachpunkte der Kandidaten

Nach der Implementierung des internationalen Atomabkommens unter Präsident Ruhani stieg das Wirtschaftswachstum ab 2016 auf annähernd sieben Prozent. Nur ist es in der Bevölkerung noch nicht angekommen. Hier hatte die Regierung Ruhani Hoffnungen geweckt, die sie bislang nicht eingelöst hat.

Davon könnte Kandidat Raisi profitieren, denn unter den sozial Schwachen des Iran hat die Wohlfahrtstätigkeit einer von Raisi geleiteten Stiftung in Maschad ein guten Ruf. Größter Schwachpunkt Raisis ist seine dunkle Vergangenheit in der Justiz des Iran. Er soll maßgeblich für die Hinrichtung von Tausenden von Dissidenten – seine Befürworter nennen sie  Terroristen – in den späten 1980er Jahren mitverantwortlich sein.

Sein Schwiegervater Hodschatoleslam Ahmad Alamolhoda, Freitagsprediger in Maschad, gehört zu den radikalsten der erzkonservativen Geistlichen Irans. Er war es, der im Herbst vergangenen Jahres ein grundsätzliches Konzertverbot in der Pilgerstadt Maschad und der gesamten Provinz Chorasan forderte und erreichte. Diese familiäre Nähe von Raisi zu Alamolhoda wird vor allem den progressiven Teil der Wählerschaft abschrecken. Fraglich ist überdies, ob man ihm die Fähigkeit zuspricht, eine Regierung zu verwalten.