Als israelischer Staatsbürger, Kind deutscher Eltern, das in Israel geboren, aufgewachsen ist und ausgebildet wurde, Angehöriger der israelischen Streitkräfte, Diplomat mit 30-jähriger Erfahrung und als Mensch, der Israel aus ganzem Herzen liebt, möchte ich Ihnen, Außenminister Gabriel, für den Mut danken, den Sie bei Ihrem jüngsten Israel-Besuch gezeigt haben.

Die Ehre, die Sie zivilgesellschaftlichen Organisationen erwiesen haben, die sich der Besatzung widersetzen, und die Hoffnung, die Sie dem israelischen Friedenslager gegeben haben, werden in Erinnerung bleiben. Die Tatsache, dass Sie nicht auf das Ultimatum des Premierministers eingegangen sind, der Sie zwingen wollte, zwischen einem Treffen mit ihm und Aktivisten aus den Reihen der Besatzungsgegner zu wählen, war für uns Besatzungsgegner wie eine Sauerstoffdusche, die uns freier atmen lässt.

Als Diplomat, der viele Jahre im Ausland tätig war, unter anderem als Botschafter, weiß ich genau, wie schwierig es für Sie war, so zu handeln. Die besondere Beziehung zwischen Israel und dem neuen Deutschland macht eine öffentliche Konfrontation zwischen dem israelischen Premierminister und einem deutschen Minister auf Staatsbesuch nahezu unmöglich. Doch Sie, Minister Gabriel, haben sich der Herausforderung trotz der historischen Komplexität gestellt. 

Israel hat sich mit der Besatzung selbst geschadet

Sie haben sich der Herausforderung gestellt, weil Sie wie andere führende Politiker in Europa und weltweit zu dem Schluss gekommen sind, zu dem meine Kollegen und ich hier in Israel schon vor Jahren gekommen sind.

Israel hat sich mit der Besatzung selbst geschadet und in eine Sackgasse manövriert. Solange unser Land nicht aufhört, eine andere Nation zu besetzen und das Leben dieser Menschen total zu kontrollieren, befindet es sich auf dem Weg der Selbstzerstörung. Trotz allem, was Deutschland – wie viele andere westeuropäische Staaten – seit der Staatsgründung großzügig für Israel getan hat, kann Ihr Land sehen, spüren und erkennen, dass die Besatzung den zionistischen Staat zerstören kann, für dessen Gründung das neue Deutschland einst Unterstützung und Hilfe versprochen hat.

Sie haben absolut recht, Minister Gabriel: Die Welt muss Israel die "Gelbe Karte" zeigen. Den Israelis fällt das sehr schwer, denn die meisten sind aus Angst vor den Ereignissen im Nahen Osten wie gelähmt, und immer mehr Israelis profitieren heutzutage auch direkt von der Besatzung. Das mächtige und wohlhabende Israel genießt die Gegenwart und hat kein Interesse an einem Richtungswechsel, schon gar nicht aus moralischen Gründen.

Wir haben ein Sprichwort in Israel, das wir alle von klein auf kennen: "Ein Besucher sieht die Fliege an der Wand." Sie haben Israel schon oft besucht und Missstände wie die Besatzung mit eigenen Augen gesehen. Es ist an Ihnen und Ihrer Regierung und der gesamten Europäischen Union, vor den Gefahren zu warnen, die die Besatzung für Israels Zukunft – seinen Wohlstand, seine Demokratie und seine internationale Reputation – mit sich bringt.