Mireille Robert geht ans Telefon, während sie sechsjährige Kinder unterrichtet. Die Kandidatin für die Partei des neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron hat ihr bisheriges Arbeitsleben in einer Grundschule im Dorf Pieusse verbracht, nicht weit von der spanischen Grenze und den Pyrenäen entfernt. Jetzt kämpft sie darum, bei den Parlamentswahlen im Juni als Abgeordnete für Macrons Partei En Marche! in die Pariser Nationalversammlung einzuziehen. "Ich will, dass Frankreich ein frohes Land wird", sagt Robert über ihre Motivation.

Macron hatte schon im Wahlkampf Menschen aus dem "zivilen Leben" dazu aufgerufen, sich bei ihm zu bewerben, mit Lebenslauf und Motivationsschreiben. Die meisten Auserwählten sind Akademiker wie Robert. Mit durchschnittlich 46 Jahren sind sie deutlich jünger als die bisherigen Abgeordneten, und die Hälfte von ihnen sind Frauen. Rund 500 kämpfen nun für eine Mehrheit für Macron. Denn hat eine andere Partei mehr Abgeordnete, wird der Liberale lange verhandeln oder sich von einigen strittigen Reformen verabschieden müssen, etwa von der des Arbeitsschutzgesetzes.

Die neue Wahlkämpferin Robert steht jeden Tag um vier Uhr auf, beantwortet E-Mails, schreibt Reden für ihre Auftritte, trinkt abwechselnd Vitaminsäfte und Kaffee, um durchzuhalten. Dann geht die Schuldirektorin zur Schule – und zieht abends wieder im Namen Macrons durch die Dörfer. In ihrer Region hat die Rechtsextreme Marine Le Pen zuletzt mehr Stimmen erhalten als der neue Präsident. "Die Leute sind enttäuscht. Sie wollen mir nicht mehr zuhören, wenn ich ihnen von unserem Programm erzähle", sagt sie. "Macron muss erfolgreich sein. Sonst haben wir als Nächstes die Rechtsradikalen in Paris an der Macht."

Robert war schon in einer Reihe von lokalen Bewegungen aktiv, um die Natur in ihrer ländlichen Region zu schützen. Jetzt hat sie Lust auf Macrons "pragmatische" Partei. "Wir wollen von jeder Partei das Beste übernehmen", sagt sie. Und was ist das Beste? "Die Firmen entlasten, damit sie Leute einstellen. Und die jungen Leute kostenlos weiterbilden, damit sie Chancen haben", sagt Robert.

Handeln statt sich nur aufregen

Bertrand Trépo hat lange gezögert, sich als Kandidat bei En Marche! zu bewerben. "Als Weinbauer bin ich gut angesehen, die Menschen sind freundlich zu mir. Ich hatte Angst davor, mich als Politiker beschimpfen zu lassen", sagt der Winzer aus Nordfrankreich. Schließlich schickte er aber doch seine lange gespeicherte Bewerbung ab. Früher wählte Trépo konservativ, aber seitdem die Republikaner François Fillon mit einem "brutalen Programm" aufstellten und danach der Skandal über die mögliche Scheinbeschäftigung von Fillons Familie auch Trépo erreichte, zweifelte er und suchte nach neuen Präsidentschaftsanwärtern. "Ich wollte mich nicht nur über all die Skandale aufregen, ich wollte auch handeln", sagt der 36-Jährige.

Er sieht sich in einem schwierigen Alter: "Ich bin zu alt, um wirklich jung zu sein, und zu jung, um erfahren zu sein. Nun will ich zeigen: Ich kann etwas verändern." Der Weinbauer stammt aus der Champagne, einer sehr ländlichen Region. "Ich komme aus einer Weinfamilie und habe einen Draht zu den Bauern", sagt er.

Leicht wird es für Trépo allerdings nicht, in das französische Parlament zu ziehen. In seinem Wahlkreis hat der rechtsextreme Front National 52 Prozent erhalten. "Ich gebe zu: Die Wut der Menschen auf Europa und den freien Handel kann ich nicht verstehen", sagt der Winzer. Seine Kollegen und er produzierten 310 Millionen Flaschen Champagner jährlich – sollten die alle von Franzosen getrunken werden? Einmal schon fuhr er nach Paris und traf auf rund 400 weitere Macron-Kandidaten. "Es war eine super Stimmung im Amphitheater, wie zu meiner Studentenzeit."