Wahl in Frankreich - "Ich rufe alle Patrioten auf, uns zu unterstützen" Marine Le Pen hat dem Wahlsieger Macron gratuliert. Die Kandidatin vom rechtsextremen Front National kündigte an, eine neue politische Kraft gründen zu wollen. © Foto: AFP-TV

Marine Le Pen sprach als Erste nach der Wahl: "Die Franzosen haben die Kontinuität gewählt." Also Fortsetzung des wirtschaftlichen Niedergangs und der politischen Krise. So sah sie es, die unterlegene Präsidentschaftskandidatin des rechtsextremistischen Front National. Deshalb hielt sich Le Pen am Wahlabend nicht lange mit Glückwünschen an den neuen Präsidenten auf.

Stattdessen gleich der nächste Großangriff: Eine "neue politische Kraft" wolle sie gründen, sagte sie kurz nach Bekanntwerden ihrer Wahlniederlage in einem kleinen Saal vor Anhängen ihrer Partei in Paris. Von wegen Niederlage: "Mit diesem historischen, massiven Ergebnis haben die Franzosen die Allianz der Patrioten zur ersten Opposition gemacht", sagte Le Pen. Schon am nächsten Tag solle für sie der nächste politische Kampf beginnen.

Tatsächlich versuchte Le Pen am Wahlabend, ihre Niederlage als weiteren Erfolg auf ihrem langen Weg an die Macht zu feiern. Ob ihr das Wahlergebnis recht gab, war bei den französischen Kommentatoren am Wahlabend stark umstritten. Die einen verwiesen auf jene elf Millionen Stimmen, die Le Pen am Sonntag erhalten hatte: mehr als je zuvor eine rechtsextreme Partei oder Kandidatin in Frankreich erreichte. Andere hingegen fanden den Stimmanteil von gut 34 Prozent enttäuschend, nachdem die Umfragen ihr schon sehr viel mehr versprochen hatten.   

Eine Attacke gegen die Anführerin?

Enttäuscht vom Wahlergebnis schien auch ein Teil des FN, allen voran Le Pens ehrgeizige Nichte Marion Maréchal-Le Pen, die noch am Wahlabend kaum verhohlen eine Kehrtwende ihrer Partei forderte. Die Forderung, aus dem Euro auszutreten, sei von den Wählern nicht verstanden worden, sagte Maréchal-Le Pen. War das nun eine Attacke gegen die Anführerin oder in wohlverstandener Absprache mit ihr? Beides ist möglich.

Klar ist, dass Marine Le Pen ihr neues Standing als wichtigste Herausforderin des neuen Präsidenten in langfristiges politisches Kapital ummünzen will. Dafür wird der Parteiname Front National wohl bald verschwinden. Gelegenheit gibt ihr die bei dieser Wahl neu geschmiedete Allianz mit der kleinen konservativen Partei Aufrechtes Frankreich des Politikers Nicolas Dupont-Aignan. Deshalb spricht sie von jener "Allianz der Patrioten". Denn bisher hatte dem FN genau das gefehlt: mögliche Bündnispartner. Jetzt hofft Le Pen, dass andere Konservative dem Beispiel Dupont-Aignans folgen werden. Sie folgt dabei möglicherweise auch selbst dem Beispiel Dupont-Aignans und rückt weiter von radikalen Positionen wie dem Euroaustritt ab. Ihre Nichte könnte das am Wahlabend schon angedeutet haben.

Wahl in Frankreich - "Ich werde Europa verteidigen" Frankreichs künftiger Staatspräsident Emmanuel Macron hat sich in seiner ersten Ansprache nach seinem Wahlsieg, sowohl für Europa als auch für die Einheit der Nation ausgesprochen. © Foto: AFP-TV

Wie bei jedem ihrer Wahlkampfauftritte beschwor Le Pen auch am Wahlabend die neuen politischen Gegensätze "zwischen Patrioten und Globalisierern". Sie will damit den alten Links-rechts-Gegensatz zwischen konservativem und sozialistischem Denken in Frankreich aus den Köpfen verdrängen und durch ihr ideologisches Schema von Nationalisten versus Neoliberalen ersetzen. Fragt sich nur, wer mitmacht. Die traditionellen Parteien, die beim ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen allesamt unterlegen waren, könnten schon bei den Parlamentswahlen im Juni wieder stärker als der FN abschneiden.  

Dabei aber hat Le Pen derzeit einen mächtigen Verbündeten: den neuen Präsidenten. "Emmanuel Macron hat großes Interesse, sein Tête-à-Tête mit dem Front National bei den Parlamentswahlen fortzuschreiben", sagte am Wahlabend Vanessa Schneider, die Kommentatorin des staatlichen Fernsehsenders France 2. Denn auch Macron und sein junges Bündnis En Marche müssen die Traditionsparteien bei den Parlamentswahlen fürchten.

Damit sind die Folgen des großes Finales Macron–Le Pen für beide Seiten noch längst nicht absehbar. "Wir müssen Europa ändern, sonst wird der Front National in fünf Jahren gewinnen", gestand Macron in einem seiner letzten Interviews vor seinem Wahlsieg. Auch ihm sitzt der Le-Pen-Schock dieser Wahl noch in den Knochen. Marine Le Pen wird alles tun, damit der Schock anhält.