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Nigel Farage sitzt auf einem schwarzen Ledersessel in seinem Büro im Europäischen Parlament in Brüssel. Vor ihm ein Glastisch, neben ihm ein Sarg. Seit Jahren steht die Totenkiste neben seinem Schreibtisch. Auf der Vorderseite haftet ein tellergroßes Euro-Zeichen. Mehr Symbolik geht nicht. Seit fast 20 Jahren kämpft Farage gegen die EU und gegen den Euro. Beides will er beerdigen. Deshalb ließ er sich von Ukip, seiner Partei, zum Europa-Abgeordneten wählen.

Farages Mission ist es, die EU von innen zu zerstören. Er war das Gesicht der Leave-Kampagne, die im vergangenen Jahr zum Brexit führte. Als Vorsitzender von Ukip drängte er die Öffentlichkeit in Großbritannien wie kein anderer zum historischen Ausstieg aus der EU.

Neben David Cameron und Boris Johnson ist Farage einer der Urheber des Brexits. Um das zu zeigen, hat er auch am Tag des Interviews seine Großbritannien-Socken angezogen. Zwischen Anzughose und Schuhen blitzt der Union Jack, die Fahne des Vereinten Königreiches. "Stolz? Ohhh, nun ja." Auf jeden Fall amüsiert sei er ob der nun beginnenden Brexit-Verhandlungen, sagt er zu Beginn der Unterhaltung. Das Gespräch wurde durch seinen Pressesprecher organisiert, der schräg gegenüber sitzt.

Nigel Farage vor dem Interview neben seinem Schreibtisch © Steffen Dobbert

ZEIT ONLINE: Herr Farage, es sind nur noch wenige Wochen bis zur Parlamentswahl in ihrem Heimatland. Warum sitzen Sie hier in Brüssel mit Ihren England-Socken, statt zu Hause in England bei den Brexit-Verhandlungen zu helfen?

Nigel Farage: Wenn die Regierung mich gefragt hätte, ich hätte ihr wohl beim Brexit geholfen. Aber das tun sie nicht. Sie werden mich für immer hassen, dämonisieren, mich als einen Außenseiter sehen und mir nie verzeihen, dass ich mit dem Brexit-Referendum erfolgreich war. Mich stört das nicht.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen Sie hier im Europäischen Parlament?

Farage: In gewisser Hinsicht bin ich eine der paneuropäischsten Figuren, die es hier gibt. Ich habe eine einzigartige Position inne, weil ich in jedem europäischen Land bekannt bin. Die ganze Gruppe der EU-Gegner sieht in mir den Vater des Euro-Skeptizismus.

ZEIT ONLINE: Sie sehen sich selbst als Paneuropäer? Wie kann man gegen etwas kämpfen, was man selbst ist?

Farage: Das hat eine gewisse Ironie, ich weiß.

ZEIT ONLINE: Seit 1999 zahlt das Europäische Parlament Ihnen eine Abgeordnetendiät. Warum akzeptieren Sie einen Arbeitslohn von einer Institution, die Sie zerstören wollen? Wie kann ich das meiner achtjährigen Tochter erklären?

Farage: Sagen Sie Ihrer Tochter, dass eine Welle des Wahnsinns die politische Klasse Europas erfasst hat. Europa ist nicht die EU. Die EU hat keine Flagge, keine Hymne. Sie ist eine total falsche Schöpfung. Ich arbeite für ein echtes Europa, das nicht versucht, einzelnen Mitgliedstaaten die Nationalität und Identität zu rauben.

ZEIT ONLINE: Sie sehen nicht so aus, als ob Sie Ihre britische Identität verloren hätten.

Farage: Uns Briten ist es nicht erlaubt, eine eigene Außenpolitik oder eine eigene Handelspolitik zu betreiben. Das kann doch nicht sein. Diese EU müssen wir zerbrechen. Großbritannien ist erst der Anfang. Das ganze Projekt ist am Ende. Die EU stirbt, sie stirbt einfach, wird bald tot sein!

ZEIT ONLINE: Erinnern Sie sich noch an den 23. Juni 2016, den Tag, an dem der Brexit beschlossen wurde?

Farage: Oh ja, es war einer der besten Tage meines Lebens. In meiner Karriere war es sogar der beste Tag überhaupt. Nach all den Jahren des einsamen Kämpfens war es ein großer Moment.

Farage ist nun in seinem Element, er sagt Sätze, die er im Wahlkampf für den Brexit im vergangenen Sommer hundertfach wiederholt hat. Davor musste er sich den Vorwurf der Veruntreuung von EU-Geld gefallen lassen. Einem Bericht der "Times" zufolge zahlte die EU fast 60.000 Pfund auf sein persönliches Bankkonto, obwohl ein Teil des Geldes für die Instandhaltung seines Abgeordnetenbüros in der Nähe von Littlehampton vorgesehen war. Dieses Abgeordnetenbüro war jedoch in einem Haus, das Farage als Partei-Chef von Ukip kostenfrei zur Verfügung gestellt bekam. Nachdem die "Times" über die Ungereimtheiten berichtet hatte, drohte Farage der Zeitung mit rechtlichen Schritten, beschuldigte Redakteure. Er bestritt die Anschuldigungen. Im Zuge dieser Affäre wurde auch bekannt, dass Farage und andere EP-Abgeordnete von Ukip die Transparenzberichte der EU unter anderem über Bürokostenerstattungen erst seit Juli 2009 ausgefüllt hatten. 

ZEIT ONLINE: Wer hat Ihre Leave-Kampagne finanziert?

Farage: Wer hat die ganze Remain-Kampagne finanziert, mehr als 50 Jahre lang? Die Regierung!

ZEIT ONLINE: Sie haben die Frage nicht beantwortet.

Farage: Individuen, einzelne Bürger aus dem Vereinigten Königreich.

ZEIT ONLINE: Auch mit Geld aus Russland?

"Es war ein privates Treffen mit Assange"

Farage: Es gab kein russisches Geld, das ist lächerlich. Sie reden über eine Verschwörungstheorie. Ich hätte keinen Penny aus Russland angenommen, selbst wenn es mir angeboten worden wäre. In dieser Kampagne ging es nicht um Geld. Es ging um Botschaften, um gute, klare Botschaften.

ZEIT ONLINE: Haben Sie jemals externes Geld für Ihre politische Arbeit bekommen?

Farage: Nein, natürlich nicht.

ZEIT ONLINE: Für Ihre Auftritte beim russischen Sender RT haben Sie nie Geld bekommen?

Farage: Ich mache das nur zweimal pro Jahr. Oder dreimal im Jahr. Ich bin bei weltweiten Medien aktiv. Ich rede ja auch mit Ihnen.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft besucht?

Farage macht eine kurze Pause, er überlegt. Nach seinem Besuch in der ecuadorianischen Botschaft vor wenigen Wochen sagte er Reportern, die ihn direkt nach dem Treffen mit Assange fragten, er könne sich nicht erinnern, was er in der Botschaft getan habe.

Farage: Oh. Nur aus journalistischen Gründen.

ZEIT ONLINE: Wie bitte? Weil Sie einen Artikel über den gesuchten WikiLeaks-Aktivisten schreiben wollten?

Farage: Aus journalistischen Gründen. Ich werde nichts weiter darüber sagen. Aber ich tat es nicht aus politischen, sondern aus journalistischen Gründen.

Nigel Farage in seinem Büro im Europäischen Parlament © Steffen Dobbert

ZEIT ONLINE: Welche journalistischen Gründe sollen das sein?

Farage: Ich will darüber nichts mehr sagen. Schauen Sie: Früher habe ich 100 Stunden pro Woche Politik gemacht. Jetzt mache ich nur noch 40 Stunden pro Woche Politik, also habe ich eine Menge Zeit, um eine Menge anderer Dinge zu tun. Ich arbeite für die Sender Fox News und LBC und ich schreibe auch.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich vom Politiker zum Entertainer gewandelt?

Farage: Vielleicht.

ZEIT ONLINE: Entertainer bekommen gewöhnlich Geld für Ihren Job.

Farage: Ja, einige Leute werden dafür bezahlt.

Farages Pressesprecher unterbricht das Interview. Er weist darauf hin, dass man doch über die Handelsbeziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich sprechen wollte. Offensichtlich möchten weder er noch Farage über dessen Verbindungen zum Gründer von WikiLeaks und Russland reden. Die Plattform hatte im vergangenen Sommer jene E-Mails von Hillary Clinton veröffentlicht, die kurz vor der Präsidentschaftswahl den Wahlkampf in den USA beeinflussten. Assange und WikiLeaks werden Verbindungen zu Hackern aus Russland nachgesagt. Farage wiederum ist ein Bekannter von Donald Trump. Er war einer der ersten Politiker, die Trump nach dem Wahlerfolg besuchten. Auch zu dessem Wahlkampfmanager und ehemaligen Chef des pseudojournalistischen Mediums Breitbart, Stephen Bannon, hat Farage einen sehr guten Draht.

ZEIT ONLINE: Sie sind doch sicher im Auftrag von jemandem zu Julian Assange gegangen. Was war das Thema Ihres Besuchs?

Farage: Das hat nichts mit Ihnen zu tun. Es war ein privates Treffen.

ZEIT ONLINE: Eben sagten Sie noch, es war ein journalistisches Treffen, also für die Öffentlichkeit?

Farage: Natürlich.

ZEIT ONLINE: Werden Sie also bald einen Artikel über Ihre Verbindungen zu WikiLeaks und das Treffen mit Assange veröffentlichen?

Farage: Warten Sie ab. Ich treffe eine Menge Leute auf der ganzen Welt. Ich helfe immer gerne.

"Putin war als politischer Führer der beste der Welt"

ZEIT ONLINE: Sie bewundern Wladimir Putin, sagten Sie einst?

Farage: Im Jahr 2013 war Putin als politischer Führer der beste der Welt. Ja, das habe ich mal gesagt. Aber ich würde nicht gerne in seinem Land leben, ich mag auch vieles nicht, was er getan hat. Aber als politischer Führer ist er bewundernswert.

ZEIT ONLINE: Ein russisches außenpolitisches Ziel ist die Spaltung und Schwächung der EU. Wurden Sie womöglich im Fall des Brexits direkt oder indirekt für russische Ziele benutzt?

Farage: Es ist offensichtlich, dass die EU sich nach Osten erweitern und Russland bedrohen will. So irrsinnig ist die EU.

ZEIT ONLINE: Es ist nicht wahr, was Sie sagen. Nicht die EU hat die Revolution in der Ukraine ausgelöst, sondern die Ukrainer, die eine bessere Beziehung zur EU wollten.

Farage: Ich möchte die EU zerstören. Und es ist egal, ob Gott oder der Dalai Lama es auch wollen. Die EU ist ein antidemokratisches, gescheitertes Projekt. Wissen Sie, Sie sind die erste Person, die mich direkt gefragt hat, ob Russland mich unterstützt. Kein anderer Journalist in der ganzen Welt fragte das zuvor.

ZEIT ONLINE: Ich würde nur gerne Ihre Rolle verstehen.

Farage: Wir haben keine Verbindungen zu Russland.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich also nie mit dem stellvertretenden russischen Botschafter in London getroffen?

Farage: Nein.

ZEIT ONLINE: Nicht im Jahr 2013, bevor die Brexit-Kampagne entworfen wurde?

Farage: Ah, warten Sie kurz. Er kam hier in mein Büro im Europäischen Parlament. Vielleicht habe ich ihn auch in London getroffen. So what?

ZEIT ONLINE: Weshalb haben Sie sich mit ihm getroffen?

Farage: Ich denke, Sie sind ein Spinner! Sie sind ein richtiger Spinner! Der Brexit war das Beste, was geschehen ist – für Russland, für Amerika und für Deutschland. Darum geht es.

Farages Pressesprecher unterbricht das Interview erneut. Er bittet darum, dass Farage mehr über die Handelsverbindungen zwischen Deutschland und dem Vereinten Königreich reden solle. Farage nickt.

ZEIT ONLINE: Die Wirtschaft Großbritanniens und die Wirtschaft der übrigen EU werden durch den Brexit geschwächt.

Farage: Sie reden nur Müll. Die EU ist ein gescheitertes Projekt. Die Idee, dass sie gut für die Wirtschaft sei, ist genauso Müll.

ZEIT ONLINE: Seit wann glauben Sie diese Unwahrheit eigentlich selbst?

Farage: Seit 1990. Schon damals erkannte ich, dass das ganze System Nonsens ist. Es wird nie funktionieren. Es hat eine Weile gedauert, aber nun haben wir den Ausstieg geschafft. Wir Briten sind die Ersten, aber andere Länder werden ebenso aus der EU aussteigen.

ZEIT ONLINE: Wer denn?

Farage: Wir werden sehen: Griechenland. Vielleicht Dänemark oder Schweden. Wir werden sehen.

"Sie sollten in einer Comedyshow auftreten"

ZEIT ONLINE: Griechenland hatte die Option in der Finanzkrise und hat sich dagegen entschieden. Sind Sie eigentlich nach dem Brexit nun Journalist oder Politiker?

Farage: Ich verändere die öffentliche Meinung. Das ist es, was ich seit 20 Jahren mache. Dafür benutze ich das Fernsehen, die Medien. Die Öffentlichkeit zu beeinflussen, darin bin ich gut, und das mache ich.

ZEIT ONLINE: Deshalb mussten Sie Julian Assange treffen?

Farage schaut zu seinem Pressesprecher und pausiert erneut kurz.

Farage: Das, also das ist ein anderer Punkt in der ganzen Sache.

ZEIT ONLINE: Wie kann man diesen Punkt verstehen?

Farage: Also, Sie werden es nicht verstehen. Ich habe ihn kurz getroffen und wir haben eine Menge besprochen.

ZEIT ONLINE: Dabei wollten Sie nicht entdeckt werden? Nur weil jemand ein Foto von Ihnen gemacht hat, wurde Ihr Besuch überhaupt bekannt.

Farages Pressesprecher unterbricht das Gespräch ein drittes Mal. Er sagt, Farage solle über die Wirtschaft im Vereinten Königreich sprechen. Farage greift kurz zu seinem Telefon und ruft jemanden an. Danach redet er weiter.

ZEIT ONLINE: Sie sind ein Bürger des Vereinten Königreichs?

Farage: Ja.

ZEIT ONLINE: Wenn es zu einem harten Brexit kommen würde, könnten Sie unter Umständen nicht mehr einfach ohne Visum zum Arbeiten nach Brüssel oder nach Hamburg fliegen.

Farage: Schon vor 1914 gab es keine Reisepässe, es hat gut funktioniert. Worüber sprechen Sie also? Offensichtlich kennen Sie sich mit der Geschichte nicht aus.

ZEIT ONLINE: Zu den Grundfreiheiten der EU gehört der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen. Wer die EU verlässt, riskiert den Verlust dieser Freiheiten.

Farage: Als ich 1999 in das Europäische Parlament gewählt wurde, stritt sich niemand über Grenzen oder Flüchtlingseinwanderung. Warum? Weil es nicht relevant war.

ZEIT ONLINE: Mit dem Brexit könnte eine neue Grenze in Europa entstehen.

Farage: Sie leben doch in einer Märchenwelt. Sie müssen verrückt sein. Ich habe niemals so was Dummes gehört. Wegen des Brexits soll ich nicht mehr nach Hamburg reisen können? Sie sollten in einer Comedyshow auftreten.

Farages Pressesprecher unterbricht den Abgeordneten zum vierten Mal. Es sei zu viel, sagt er, und gibt Farage ein Zeichen, das Gespräch zu beenden. Farage steht aus seinem Ledersessel auf und setzt sich an seinen Schreibtisch. Das war’s, sagt er und schaut auf Papiere, die vor ihm liegen. Das Gespräch ist beendet. Der Pressesprecher bittet, den Raum zu verlassen.