Kürzlich gab ein islamischer Verband zum vierten Jahrestag des NSU-Prozesses eine Pressemitteilung mit folgender Überschrift heraus: "Vier Jahre NSU-Prozess – eine einzige Enttäuschung". Weiter heißt es: "Der NSU-Prozess ist weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben und hat vielmehr der Politik geholfen, sich mit dem Verweis auf das laufende Verfahren aus der Verantwortung zu ziehen." Der Verband selbst ist nicht weiter der Rede wert, die Frage steht aber im Raum: Ist der NSU-Prozess das, eine Enttäuschung?

In erster Linie trifft die Frage vermutlich ein Gefühl, und Gefühle scheren sich nicht um Fairness oder Fakten. Wenn die Rede auf den Prozess kommt, in privaten Gesprächen etwa, heißt es immer häufiger: Das zieht sich aber auch hin! Oder: Da hört man ja gar nichts mehr drüber! Manchmal auch: So richtig was gebracht hat das jetzt nicht, oder? Und was das wohl alles kostet!

Nun sollte man die diese wichtige Frage aber nicht Interessensverbänden überlassen, deren Mitglieder noch nie einen Fuß in den Saal A 101 des Münchner Oberlandesgerichts gesetzt haben. Die richtigen Antworten sind: Ja, der Prozess zieht sich hin, Rechtsstaat dauert. Das sollte Anlass zur Freude sein, wenn man sich mal in der Welt umschaut. Ja, er kostet Geld. "Man" hört auch etwas über ihn, wenn man denn möchte. Viele Kollegen sitzen konsequent seit vier Jahren im Gerichtssaal und berichten. Und, am wichtigsten: Ja, er bringt etwas. Sogar sehr viel.

Der Prozess gegen Beate Zschäpe und ihre Mitangeklagten ist ein Strafprozess, dessen vorrangige Aufgabe es ist, der Schuld der Angeklagten nachzugehen. Er soll der Wahrheit über die Morde an acht Türken, einem Griechen und einer Polizistin zwischen den Jahren 2000 und 2006 so nah wie möglich kommen, sie so weit wie möglich aufklären. Das tut er. Wenn man sich dieser Tage bei Prozessbeteiligten umhört, so besteht mittlerweile kein Zweifel mehr an der Schuld von Beate Zschäpe. Daran dürfte auch der aktuelle Gutachterstreit nichts ändern. Auch die anderen Angeklagten dürften nicht mit Freisprüchen rechnen. Behauptungen über die schwierige Beweislage sind ebenfalls kaum haltbar. "Die Beweisaufnahme hat die Anklage im vollen Umfang bestätigt", sagt etwa Thomas Bliwier. Er vertritt die Familie des hessischen Mordopfers Halit Yozgat. Das ist die prozessual-technische Ebene.

Der NSU-Prozess ist jedoch darüber hinausgegangen. Er war von Anfang an ein politischer Prozess. Er hat politische Fragen zugelassen und nicht nur nach der Schuld der Angeklagten gefragt. Natürlich haben diese Fragen zu einer Verlängerung des Prozesses geführt. Aufklärung ist aber wichtiger als Schnelligkeit, wie Nebenkläger-Vertreter Mehmet Daimagüler es formuliert. Die Gesellschaft hat am Ende etwas davon. So hat sich in der langen Prozesszeit gezeigt, dass der NSU keine isolierte Gruppe von drei Verschworenen war. Die Gruppe hatte Helfer und Verbindungen zu rechtsextremen Netzwerken wie Blood and Honour. Folgeprozesse sind nicht ausgeschlossen. Dass diese Verbindungen zu Tage getreten sind, ist den beharrlichen Beweisanträgen der Nebenklägervertreter zu verdanken.