Es wirkte alles wie Zufall, doch wahrscheinlich waren die Geschehnisse von langer Hand geplant und orchestriert. Reinhold Mitterlehner, bis vergangene Woche Parteichef der konservativen Volkspartei, wurde von seinen eigenen Parteifreunden aus dem Amt gemobbt, obwohl er schon längst zugesagt hatte, vor den nächsten Wahlen an den jungen Hoffnungsträger der Partei, Sebastian Kurz, zu übergeben.

Doch Kurz und seine Unterstützer wollten offenbar nicht mehr länger warten. Nach einer letzten Demütigung warf Mitterlehner hin. Kurz wurde innerhalb weniger Tage inthronisiert. Binnen wenigen Stunden nach Kurz' Akklamation zum neuen Anführer wurde eine neue Corporate Identity der verstaubten Traditionspartei freigeschaltet, von der Website bis zu Direct-Mailing-Kampagnen. All das war offenbar bis ins Letzte fertig, es musste nur mehr Mitterlehner weggeräumt werden.

Und der Neue kündigte auch sofort die heute gar nicht mehr so große große Koalition mit den Sozialdemokraten, um Neuwahlen zu erzwingen. Das Kalkül ist klar: In der zerrütteten Zwangsehe von Konservativen und Sozialdemokraten will er sich nicht einmal ein paar Monate selbst beschädigen. Jetzt stehen Neuwahlen am 15. Oktober bevor. Bis dahin wird es ein langer, harter und dreckiger Wahlkampf.

Zwei beliebte Kandidaten

Die Ausgangslage sieht so aus: Konservative und Sozialdemokraten sind als ewige Etabliertenparteien angegraut, die rechtspopulistische Freiheitliche Partei unter ihrem Chef Heinz-Christian Strache liegt in den meisten Umfragen seit zwei Jahren an der Spitze – zeitweise sogar mit erheblichem Abstand.

Die Sozialdemokraten tauschten bereits vor einem Jahr ihren Frontmann aus. Damals, vor ziemlich genau zwölf Monaten, trat Christian Kern an die Parteispitze, der vormalige Bahnchef. Kern erklärte, er möchte die Fenster aufmachen und frische Luft hereinlassen, er sprach Klartext, zeigte die Fähigkeit zur Selbstironie – und vor allem formulierte er auch einige ambitionierte Ziele. Ein paar Monate war das Land fast in einer Art "Kernmania".

Kanzler Kern ist nicht volksnah

Der neue SPÖ-Chef brachte seine Partei sukzessive wieder an die Rechtspopulisten heran, in manchen Umfragen hat die SPÖ die FPÖ schon wieder überholt. Kern hat hohe Zustimmungsraten, gilt als wirtschaftskompetent, blitzgescheit und energetisch, hat aber auch ein paar Schwachpunkte: Volksnähe wird ihm nicht gerade zugeschrieben, und in der Flüchtlingsfrage ist er mehr als der Hälfte des Wahlvolks nicht ausreichend Scharfmacher. Soll heißen: zu ausländerfreundlich. Kern versuchte daher in den letzten Monaten, dieser Stimmung entgegenzukommen – aber gerade das führte dazu, dass viele Leute nicht mehr wussten, wofür er steht.

Noch höhere Popularitätswerte als Kern hat zurzeit aber Sebastian Kurz. Er hat sich geschickt als junger, vernünftiger Politiker positioniert, darauf geachtet, sich vom innenpolitischen Streit fernzuhalten, also kaum über Dinge zu sprechen, die nicht in seinen Fachbereich fallen. In seinem Fachbereich – Integration, Migration, Außenpolitik –, hat er sich zum Sprachrohr jener Positionen gemacht, die populär sind. Von Beginn an hielt er sich in Sachen Willkommenskultur skeptisch zurück, sodass er dann, als die Stimmung kippte, sagen konnte, er sei immer schon kritisch gegenüber der Politik offener Grenzen gewesen. Gemeinsam mit der CSU und dem rechten CDU-Flügel machte er Stimmung gegen die deutsche Kanzlerin. Schließlich schmiedete er ein Bündnis mit Ungarns Viktor Orbán und einigen Balkanstaaten und war federführend bei der Schließung der Balkanroute – sein wichtigster persönlicher Triumph.

Kurz' Vorteil

Kurz gibt all jenen eine Stimme, die finden, dass ohnehin zu viele Ausländer im Land sind, aber er macht das in einer Sprache, für die man sich nicht als Ausländerfeind beschimpfen lassen muss. Kurzum: Er ist das Angebot für alle, die Antiausländer-, ein wenig Anti-EU-Positionen vertreten, aber aus Anstand keine Ultrarechten wählen wollen – und zugleich auch an die bisherigen Wähler der FPÖ. Er ist mit diesen Haltungen aber auch bis weit ins sozialdemokratische Wählersegment populär. Kurz hat hohe Zustimmungsraten beinahe über das gesamte politische Spektrum hinweg. Ein Vorteil gegenüber Kern, der zwar im Mitte-links-Lager sehr beliebt ist, rechtsaußen aber fast verhasst.

Dennoch ist das eine Gesamtkonstellation, in der die Volksparteien SPÖ und ÖVP plötzlich beide von Politikern repräsentiert werden, die weit über ihre Parteien hinaus ausstrahlen – und die nun auf ein Duell um die Kanzlerschaft zusteuern.