Das bringt als Erstes natürlich die rechtspopulistische FPÖ in eine strategische Bredouille, deren Anführer sich schon als sicherer Sieger sah und plötzlich Gefahr läuft, nur eine Randfigur in diesem Kräftemessen zu werden.

Das ist zumindest eine Möglichkeit – sicher ist angesichts der Turbulenzen überhaupt nichts. Kurz hat bisher sehr geschickt seine Stärken aufgebaut, ob das aber über fünf Monate hält, ist offen. Denn seine Stärke kann auch eine Schwäche werden: Über seine politischen Positionen jenseits der Flüchtlingspolitik und der EU-Politik ist kaum etwas bekannt, aber welche immer er einnimmt, sie werden nicht allen gefallen, die ihn heute schätzen. Dass Kurz, der vor sechs Jahren als 24-jähriger Studienabbrecher in die Regierung kam, über keine Wirtschaftskompetenz verfügt, kann gerade auch bei bürgerlichen Wählern Vertrauen kosten. In der Wiener Politik wird gewitzelt, Kurz erinnere an Karl-Theodor zu Guttenberg, bloß habe er mangels Studienabschluss noch keine Doktorarbeit gefälscht. Mit 30 Jahren ist er auch verdammt jung.

Wer mit wem regieren könnte

Wie also ein Rennen mit so vielen Unbekannten ausgehen kann, ist schwer zu prognostizieren. Die wahrscheinlichste Möglichkeit ist aber wohl, dass Christian Kern für seine Sozialdemokraten deutlich Stimmen dazugewinnt und die SPÖ stärkste Kraft bleibt. Sebastian Kurz wird wohl in noch höherem Ausmaß dazugewinnen. Die rechtspopulistischen Freiheitlichen hingegen könnten deutlich unter ihren Erwartungen bleiben. Genauso gut ist aber auch möglich, dass jede dieser drei großen Parteien am Ende beinahe gleichauf zwischen 28 und 29 Prozent liegt. Die Kleinparteien, also die Grünen und die liberalkonservativen Neos, werden in dieser Konstellation schwer kämpfen müssen.

Wie dann demnächst in Österreich regiert wird? Sofern nicht eine Mehrheit aus Sozialdemokraten, Grünen und Neos zustande kommt (was nicht völlig unmöglich, aber auch nicht sehr wahrscheinlich ist), so gibt es logischerweise nur drei Möglichkeiten: eine SPÖ-FPÖ-Regierung, eine ÖVP-FPÖ-Regierung oder – als wohl unwahrscheinlichste Version – eine Neuauflage der SPÖ-ÖVP-Koalition.

Kanzler Christian Kern will sicher keine Koalition mit der FPÖ, aber wenn das die einzige realistische Alternative zu einer reinen Rechtsregierung ist, dann wird nach der Wahl der Druck auf Kern steigen, diese Koalition doch in Betracht zu ziehen. Die Rechtspopulisten würden womöglich eine solche Konstellation sogar bevorzugen, schließlich waren sie schon einmal mit der ÖVP in der Regierung – und haben deren jahrzehntelang aufgebaute Kompetenz in Sachen Politintrige noch in schlechter Erinnerung.

Vorbild Ungarn?

Bleibt als durchaus nicht unrealistische Möglichkeit, dass Österreich nach dem 15. Oktober eine Neuauflage einer konservativ-rechtspopulistischen Regierung erlebt – verschärft durch den Umstand, dass Kurz sich selbst als moderater Rechtspopulist positioniert. Auf deutsche Verhältnisse umgelegt: als würde der rechte Flügel der CSU mit der AfD koalieren. Für die europäischen Partner wäre das jedenfalls keine allzu verlockende Aussicht. Österreich könnte sich unter einer Kurz-Strache-Regierung an den ungarischen und polnischen Regierungen orientieren. Kurz verteidigte erst unlängst Viktor Orbán mit den Worten, dieser sei schließlich "federführend" bei der Sicherung der europäischen Außengrenzen. Einwände, wonach die Orbán-Regierung nicht den liberal-demokratischen Wertekanon teile, erteilte er eine Abfuhr: "Hören wir auf mit der Trennung in Gut und Böse und der moralischen Überlegenheit."

Orbán zeigte sich im Gegenzug dankbar. Nach Kurz' Kür zum ÖVP-Chef schickte er binnen wenigen Stunden einen Gratulationsbrief nach Wien mit der Botschaft: "Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit der erneuerten Volkspartei."

Hinweis: Der Autor ist eng mit dem österreichischen Bundeskanzler Christian Kern befreundet, kommende Woche erscheint sein Porträt-Buch über den SPÖ-Mann.