In Wien ging am Freitag eine turbulente Woche mit einem Knall zu Ende: In einer nur wenige Minuten langen Rede zog am Vormittag Österreichs 30-jähriger Außenminister Sebastian Kurz, auf dem seit geraumer Zeit alle Zukunftshoffnungen der Konservativen lasten, den Stecker und beendete das aktuelle Regierungsbündnis, indem er sich für vorgezogene Neuwahlen aussprach. Damit bricht er auch mit der Konstante der Nachkriegspolitik: der großen Koalition aus Sozialdemokraten und christlich-sozialer Volkspartei.

Nun ist der Shootingstar der österreichischen Innenpolitik fast am Ziel. Es ist wohl nur mehr ein formaler Akt, dass ihm am Sonntag die Parteigranden in einer Sitzung ihres Führungsgremiums die angeschlagene Volkspartei zu Füßen legen und den selbstbewussten Aufsteiger zum Herausforderer für den roten Bundeskanzler Christian Kern in den Neuwahlen im Herbst, die nun unausweichlich geworden sind, nominieren werden. Mit erstaunlich deutlichen Worten beendete Sebastian Kurz selbst alle Spekulationen: Er halte nichts von einem neuerlichen Neustart der Regierungskoalition, die ihm der Kanzler Kern angeboten hatte, nachdem der bisherige schwarze Vizekanzler und Parteichef Reinhold Mitterlehner am Mittwoch entnervt seine Ämter hingeworfen hatte.

Partei wird sich hinter Kurz stellen

Nach den zahlreichen Personalrochaden der vergangen Jahre sei es die ehrlichere Alternative, die Wähler aufzurufen. Von seiner eigenen Partei forderte Kurz zugleich volle Durchgriffsrechte und die Oberhoheit bei Personalentscheidungen und in Budgetfragen. Die Schwergewichte der föderal strukturierten Volkspartei werden ihm zumindest bis zum Wahltag umfangreiche Zugeständnisse machen müssen: Sebastian Kurz ist der einzige Trumpf, über den sie derzeit verfügen, der einzige Spitzenkandidat, der SPÖ und FPÖ schlagen könnte.

Unmittelbar nachdem der künftige ÖVP-Chef für klare Verhältnisse gesorgt hatte, schaltete das gesamte Land auf Wahlkampfmodus. Österreich erwartet nun ein mehrere Monate langer Dreikampf um die Macht in der Republik. Kanzler Christian Kern wird sich jetzt mit einem Widersacher messen müssen, der ihm in seiner Popularität auf Augenhöhe begegnen kann und ihm in Stil und Image ähnlich ist. Zugleich wird das Duo aber versuchen müssen, sich Oppositionsführer Heinz-Christian Strache vom Leib zu halten, dessen rechtspopulistische Freiheitliche Partei seit Langem in allen Umfragen führt. Wer schließlich der nächste Kanzler wird, scheint offener denn je. Fest dürfte lediglich stehen, dass ein neuerlicher Koalitionspakt von Sozialdemokraten und Volkspartei ausgeschlossen ist und die Freiheitlichen in irgendeiner Form an der nächsten österreichischen Regierung beteiligt sein werden.

Die FPÖ wird wohl mitregieren

Tatsächlich trifft der Start in den Wahlkampf alle Beteiligten zur Unzeit. Die einst so siegessicheren Freiheitlichen sind nach dem fast elf Monate langen Präsidentschaftswahlkampf des vergangenen Jahres ausgelaugt und haben insgeheim noch immer nicht die Niederlage ihres Kandidaten Norbert Hofer verdaut. Zugleich ist ihr zentrales politisches Thema, die Migrationskrise, in letzter Zeit etwas aus dem öffentlichen Fokus gerückt. Zum einen, weil die Regierungskoalition viele ihrer Positionen in leicht abgemilderter Form übernommen hat, zum anderen, weil der Zulauf von Flüchtlingen über die Westbalkanroute weitgehend zum Erliegen gekommen ist. Dies erreicht zu haben, beansprucht Außenminister Kurz für sich, der in letzter Zeit auch rhetorisch nach rechts gerückt ist. Der freiheitliche Parteichef Strache, der sein Alleinstellungsmerkmal als Grenzschützer verloren hat, muss nun darauf hoffen, dass ausgerechnet ihm im einem hitzigen Duell der rot-schwarzen Alphamänner die Rolle des moderaten Beschwichtigers zufallen wird.

Die bisherigen Koalitionspartner werden in einem extrem auf  ihre Führungsfiguren zugespitzten Wahlkampf auf die Zugkraft ihrer Spitzenkandidaten vertrauen müssen. Beide Parteien sind zerstritten und haben viel von ihrer früheren Schlagkraft verloren. Bei den Sozialdemokraten sind die Wunden, die der parteiinterne Putsch, der vor einem Jahr den damaligen Bahn-Manager Kern an die Spitze katapultierte, bei Weitem nicht verheilt. Und in der roten Bastion Wien tobt ein offener Richtungsstreit. Noch herrscht in der Partei Stillschweigen. Doch es ist fraglich, ob es Kern gelingt, niedere Funktionäre, Basis und Wahlvolk so zu mobilisieren, dass es für einen Wahlsieg reicht.