Im Vorhof des Louvre feiert der neue Präsident, am Fuße der Pyramide von Ieoh Ming Pei. Die Schauplätze der präsidentiellen Siegesfeiern sind immer symbolisch, und Emmanuel Macron hat diesen Ort nicht ohne Grund ausgewählt. Der Louvre, erst Residenz der Könige, dann erstes Kunstmuseum der Welt; seit dem Bau der Pyramide 1987 ist hier das Historische mit dem Modernen verbunden. Ein Ort republikanischer Geschichte, originär französisch, aber nicht zuletzt wegen der Touristen der wohl internationalste Ort der Stadt.

Vor fünf Jahren hatte der Sozialist François Hollande seinen Sieg auf der Place de la Bastille gefeiert, wo einst die Pariser die Französische Revolution lostraten, und dann 1830 gleich die nächste. Ein symbolischer Ort für die Linke also. Nicolas Sarkozy hatte zuvor auf der Place de la Concorde gefeiert, dem prächtigsten der fünf königlichen Plätze von Paris. Ein Ort des Überflusses und des Glanzes, mit dem sich Sarkozy zwar umgab, den er aber nie ganz verkörpern konnte.

Im Louvre dauert es, bis der künftige Präsident auf die Bühne kommt. Erst nach vielen Auftritten von Musikern, nach dem oft wiederholten Versprechen des Moderators: "Unser Präsident wird mit uns feiern", und nach einer unerträglich langen Kunstpause zwischen: "Heißt den Präsidenten der Republik herzlich willkommen!", und dem Moment, an dem er wirklich auftaucht.

Unter den Klängen von Beethovens neunter Symphonie, der Europahymne, läuft er auf den Platz. Eingerahmt von den beiden Seitenflügeln des Louvre und der monumentalen Musik, betritt er die Bühne: Er wirkt irgendwie klein und allein, er spricht wie immer in seinem pathosreichen, überdeutlichen Duktus: "Danke, meine Freunde. Danke an die Anwesenden." Es folgen Minuten mit Danksagungen.

Die Menge vor der Bühne tobt, man kennt das von den Wahlkampfauftritten, eine Atmosphäre, als stünden Justin Bieber, die Stones und Renaud gleichzeitig auf der Bühne. Für jeden etwas. "Europa und die Welt erwartet von uns den Geist der Aufklärung, den Schutz der Unterdrückten. Einen neuen Humanismus", sagt Macron für seine Basis, die nicht mehr ganz so Jungen, die Arrivierten, die Gutausgebildeten. "Eine Welt mit mehr Sicherheit, für alle Franzosen", sagt er für jene Rentner, die, weil sie die Auswirkungen der Kollaboration noch kennen, niemals an eine Stimme für Marine Le Pen dachten. Er spricht von einer erneuerten Wirtschaft, besseren Schulen, blühender Kultur.

Wahl in Frankreich - "Ich werde Europa verteidigen" Frankreichs künftiger Staatspräsident Emmanuel Macron hat sich in seiner ersten Ansprache nach seinem Wahlsieg, sowohl für Europa als auch für die Einheit der Nation ausgesprochen. © Foto: AFP-TV

"Ich werde alles tun, damit sie keinen Grund mehr haben, Extreme zu wählen"

Aber er spricht auch die 35 Prozent an, die ihn nicht wählten. "Pfeift sie nicht aus", sagt er zur Menge, die buht und pfeift, als der Name Marine Le Pen fällt. "Ich werde in den kommenden fünf Jahren alles tun, dass sie keinen einzigen Grund mehr haben, die Extremen zu wählen."

Es ist eine Rede voller Ankündigungen, wie schwierig es werden wird. Voller Aufforderungen zum Durchhalten. Ein Aufruf, gegen Lügen zu kämpfen und gegen die Gefahr im Land und außerhalb. Es ist eine Rede zur Einheit der Republik – zu Recht. Denn es hätte für ihn ja besser nicht laufen können. Macron hat deutlich gewonnen. Marine Le Pen hat ihre Niederlage eingeräumt. Kein Zwischenfall; von Betrugsvorwurf bis Terror war so ziemlich alles befürchtet worden.

Und so fühlt es sich bei der Feier an, als wäre nichts gewesen. Als wäre bei dieser Wahl nicht jenseits jeder Anstandsgrenze debattiert worden. Als habe es keine gegenseitigen Beschimpfungen gegeben. Den Bewohnern Frankreichs hängt ja der Ruf einer gewissen Unfreundlichkeit an, aber eben auch der einer grundlegenden Würde. Letztere konnte weder Marine Le Pen verkörpern, die Lügnerin und Hetzerin, noch Emmanuel Macron, der manchmal haarscharf an der Arroganz vorbeischrammte und nie den Vorwurf abschütteln konnte, ein Spross alter Eliten zu sein.

Dafür, so zumindest die Logik der Fernsehsender, gibt es Brigitte. Es ist der seltsamste Teil dieser Siegesfeier, dass sie zunächst fehlt. Die Anwesenheit von Brigitte, Macrons 24 Jahre älterer Frau und ehemaliger Lehrerin war im Wahlkampf fast schon wichtiger als die Reden des Kandidaten. Brigitte wurde zu einer Art Gewissen, zur Gewährsfrau dafür, dass Macron eben kein abgehobener Finanzmensch ist, sondern ein grundvernünftiger Typ. Sie wurde im Fernsehen analysiert, aber nicht wie frühere Präsidentengattinen aufgrund ihrer Outfits, sondern danach, was sie symbolisiert. Da war alles dabei: von der anerkennenden Bemerkung "modernes Familienbild" bis hin zur diskreditierend gemeinten Behauptung "Macron ist heimlich schwul".