Stellen Sie sich vor, Sie wären Pilot. In den vergangenen 20 Jahren sollten Sie mit Ihrem Flugzeug maximal einen wirklich ernsthaften Vorfall in der Luft gehabt haben. Auf Ihren letzten zehn Flügen hatten sie aber plötzlich fünf größere Betriebsstörungen. Und nachdem Sie jetzt sogar eine Notlandung erfolgreich gemeistert haben – das Flugzeug ist am Boden und niemand ist verletzt – rufen Sie in Ihrer Zentrale an. "Das ist etwas wirklich Ernstes", sagen Sie, "wenn wir so weitermachen, werden wir am Ende wirklich einmal abstürzen".

In der Zentrale will man davon nichts hören. "Nach all den Vorfällen in den vergangenen Wochen", sagt man Ihnen dort, "meinten manche schon, Sie würden sicher irgendwann mal verunglücken. Aber sehen Sie: Sie sind am Boden. Sie sind unversehrt! Darauf gibt's eine Runde Champagner!"

Das ist ziemlich genau die Reaktion der internationalen Kommentatoren auf die Wahl Emmanuel Macrons zum Präsidenten Frankreichs. Viele hätten ja schon gedacht, Le Pen würde gewinnen, wird argumentiert, aber nun seht: Sie hat verloren! Die Bedrohung durch den Populismus geht wieder zurück. Lasst uns #PeakPopulism feiern!

Die Erleichterung ist verständlich. Nach den scheußlichen Überraschungen des Jahres 2016 schien 2017 alles möglich. Wenn Donald Trump es geschafft hat, US-Präsident zu werden, warum sollte dann Marine Le Pen nicht auch Präsidentin Frankreichs werden? Vor diesem Hintergrund stimmt es hoffnungsfroh, dass Emmanuel Macron, den die wenigsten vor einem Jahr noch als möglichen Herausforderer um den Posten im Élysée-Palast sahen, nun als Retter von Frankreichs politischer Mitte auftauchte. 

Der größte Wahlerfolg für die Rechtsextremisten

Doch jetzt ist nicht die Zeit für Selbstgefälligkeiten. Im Gegenteil: Es gibt vier Gründe, warum wir die Bedrohung der liberalen Demokratie durch den Populismus immer noch weit unterschätzen.

Erstens wird offenbar weithin übersehen, dass die französischen Rechtsextremisten am vergangenen Sonntag den größten Wahlerfolg ihrer Geschichte gefeiert haben. Als Marine Le Pens Vater Jean-Marie vor 15 Jahren Jacques Chirac in der Stichwahl gegenüberstand, holte er nur 18 Prozent der Stimmen. Marine Le Pen hat dieses Ergebnis fast verdoppelt. Und anders als in den USA, wo Donald Trump vor allem ältere Wähler für sich gewann, war Marine Le Pen besonders stark bei den jungen – 44 Prozent der französischen Wähler unter 25 Jahren stimmten für sie.

Erfolge der Vergangenheit sind kein Garant für die zukünftige Performance, wie man im Finanzwesen sagt. Heißt: Dass der Wählerzuspruch für den Front National in den vergangenen Jahren so stark zugenommen hat, bedeutet nicht, dass er weiterhin so erfolgreich sein wird. Aber man sollte doch zur Kenntnis nehmen, dass die Entwicklung für die Rechtsextremen in Frankreich – und in vielen anderen Staaten Europas – derzeit so furchteinflößend (gut) ist wie in den Monaten zuvor auch.

Zweitens hat die Wahl gezeigt, dass die Stabilität einer liberalen Demokratie von der Fähigkeit moderater Parteien links wie rechts abhängig ist, überzeugende Kandidaten hervorzubringen. In Frankreich hat sich die große Mitte-links-Partei selbst zerstört, indem sie einen uncharismatischen und unerfahrenen Hardliner nominierte, den die meisten Wähler als zu radikal empfanden. Gleichzeitig ernannte die große Mitte-rechts-Partei einen Kandidaten, bei dem sich herausstellte, dass er Hunderttausende Euro öffentlicher Gelder in die Taschen seiner Familie geschleust hatte. Es brauchte ein Deus ex machina in Gestalt von Emmanuel Macron, um sicherzustellen, dass nicht Marine Le Pen das politische Vakuum füllen konnte, welches durch das erbärmliche Scheitern der beiden etablierten Parteien entstanden war.

Wahl in Frankreich - "Ich werde Europa verteidigen" Frankreichs künftiger Staatspräsident Emmanuel Macron hat sich in seiner ersten Ansprache nach seinem Wahlsieg, sowohl für Europa als auch für die Einheit der Nation ausgesprochen. © Foto: AFP-TV