Nach dem Hackerangriff auf den Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron warnen die französischen Behörden vor einer weiteren Verbreitung der gehackten Dokumente. Ein Teil der im Internet aufgetauchten Unterlagen sei möglicherweise gefälscht und eine Weiterverbreitung in jedem Fall strafbar, teilte die Wahlkommission mit. Die Behörde appellierte an die Medien, "Verantwortung zu zeigen" und auf eine Weiterverbreitung der Dokumente zu verzichten, "um die Ernsthaftigkeit der Wahl nicht zu beeinträchtigen".

Frankreichs Präsident François Hollande kündigte eine Reaktion auf den Hackerangriff an. Dieser werde nicht ohne Antwort bleiben. Sollten tatsächlich Dokumente des Kandidaten gehackt oder gefälscht worden sein, gebe es Verfahren, "die dann in Kraft treten", sagte der scheidende sozialistische Staatschef. Gleichzeitig rief er dazu auf, zunächst die Ermittlungen abzuwarten.

Der offizielle Wahlkampf war in der Nacht von Freitag auf Samstag um Mitternacht zu Ende gegangen. Die Kandidaten dürfen keinen Wahlkampf mehr betreiben, sie dürfen keine Interviews geben, keine Tweets absetzen und auch ihre Teams dürfen sich nicht äußern. Umfrageinstitute und Medien dürfen keine neuen Umfragen veröffentlichen. Erst wenn um 20 Uhr am Sonntag die Wahllokale schließen, wird diese Sperre wieder aufgehoben. Die Wahl der Franzosen soll nicht mehr beeinflusst werden.

Am späten Freitagabend teilte Macrons Team mit, Opfer eines Hackerangriffs geworden zu sein. Ein Nutzer mit dem Pseudonym EMLEAKS hatte am späten Freitagabend bis zu neun Gigabyte Daten auf die Seite Pastebin hochgeladen, die das anonyme Teilen von Informationen erlaubt. Diese angeblichen Enthüllungen unter #macronleaks spielten aber keine große Rolle in französischen Medien. In den Frühnachrichten des Senders Franceinfo kam das Thema nicht vor.

Die Suggestivfrage des Front National

Macrons Bewegung En Marche teilte mit, bei den veröffentlichten Dokumenten handele es sich um vollkommen legale Unterlagen, die den normalen Ablauf eines Präsidentschaftswahlkampfes widerspiegelten. Der Vizechef des Front National, Florian Philippot, stellte dagegen kurz vor Mitternacht auf Twitter die Frage: "Werden die #Macronleaks uns etwas verraten, was der Investigativjournalismus absichtlich verschwiegen hat? Schrecklich, dieser demokratische Schiffbruch."

Die Zeitung Le Monde schrieb, sie werde keine Inhalte der gehackten Daten vor der Wahl veröffentlichen. Angesichts der Menge an Material sei eine sorgfältige Berichterstattung in der Kürze der Zeit nicht möglich; zudem seien die Dokumente 48 Stunden vor dem Urnengang mit der klaren Absicht veröffentlicht worden, die Wähler zu beeinflussen.

WikiLeaks stellte einen Link zu den Unterlagen zur Verfügung und stellte zugleich infrage, dass darunter tatsächlich auch gefälschte Dokumente zu finden sind. Die Enthüllungsplattform teilte mit, keine gefälschten Dokumente ausgemacht zu haben. Die jüngsten datierten laut WikiLeaks vom 24. April, dem Tag nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl, die Macron gewonnen hatte.

Russland steht erneut unter Verdacht

Die Debatte um Angriffe auf En Marche dauert schon seit Monaten an. En Marche beschuldigte Russland zuletzt, über Medien wie RT in den französischen Wahlkampf einzugreifen – der Sender ist bekannt dafür, staatliche Propaganda zu verbreiten. Unterstützt wird diese Sichtweise von Frankreichs Außenminister Jean-Marc Ayrault, demzufolge Macron Ziel von Cyberangriffen aus Russland sei.

Mitte der Woche gab es in sozialen Netzwerken Gerüchte, dass Macron ein Konto in einem Steuerparadies habe. Le Pen griff die Vorwürfe im einzigen TV-Duell vor der Wahl auf. Macron erstattete Anzeige gegen Unbekannt, die Staatsanwaltschaft nahm Vorermittlungen auf wegen des Verdachts der Verbreitung einer Falschnachricht.

Vitali Kremez von der New Yorker IT-Sicherheitsfirma Flashpoint sagte Reuters, seine Untersuchung des Cyberangriffs auf Macron habe Hinweise darauf ergeben, dass die Hackergruppe APT 28 dahinter stecke. Sie gilt als verlängerter Arm des russischen Militärgeheimdienstes GRU und tritt auch unter Namen wie "Pawn Storm" oder "Fancy Bear" auf. Kremez sagte, im April habe APT 28 Internetadressen registriert, die dem Namen En Marche ähnelten. Diese seien vermutlich eingesetzt worden, um Ködermails an Mitglieder der Bewegung zu schicken und sich so Zugang zu den Computern von Macrons Organisation zu verschaffen.

APT 28 steckt nach Ansicht des Bundesverfassungsschutzes auch hinter den Angriffen auf die Demokratische Partei in den USA und den Bundestag 2015, wo großen Datenmengen erbeutet wurden. Der Inlandsgeheimdienst warnt deshalb, dass Politiker mit den erbeuteten Informationen im Bundestagswahlkampf unter Druck gesetzt werden könnten.

Abstimmung hat in Übersee begonnen

Die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahl hat in einem Überseegebiet bereits begonnen. Die Menschen auf der französischen Inselgruppe Saint-Pierre und Miquelon vor der kanadischen Ostküste können seit Samstagmittag deutscher Zeit ihre Stimmen abgeben. Dort stehen rund 5.000 Franzosen auf den Wählerlisten. Auch in weiteren Überseegebieten öffnen die Wahllokale wegen der Zeitverschiebung bereits am Samstag. Der Großteil der rund 47 Millionen französischen Wahlberechtigten stimmt am Sonntag ab.

Die letzten Umfragen prophezeien Emmanuel Macron einen klaren Sieg mit etwa 62 Prozent der abgegebenen Stimmen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte, er vertraue auf die "republikanische Vernunft" der Franzosen und glaube an einen Erfolg von Macron. Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) nannte Marine Le Pen "eine Rattenfängerin" und warnte vor ihrer Wahl. Ein Sieg von Macron sei wichtig, weil es auch darum gehe, das einmalige Vorhaben der europäischen Vereinigung fortzuführen. Le Pen ist gegen den Euro und will die Bürger über einen Austritt Frankreichs aus der EU abstimmen lassen.

Stichwahl in Frankreich - Neve wählt...Macron – aus voller Überzeugung Die Gymnasiastin aus Paris ist überzeugt, dass Emmanuel Macron die nötige Veränderung bringt. © Foto: Ana-Marija Bilandzija